Die Ellwanger Lehen im Raum Gunzenhausen im 14. Jahrhundert 
 
 Der Lehenempfang der Bürger und Bauern 
 
 

Die hohen Herren wie Grafen, Edelfreie und bisweilen auch Angehörige des niederen Adels waren dem Abt von Ellwangen, zumindest seinen Lehenverwaltern, wohl bekannt. Sie mussten nicht unbedingt zum Lehenempfang immer in Ellwangen erscheinen, sie konnten ihre Lehenkomplexe auch anlässlich einer Zusammenkunft oder eines Familienereignisses empfangen. Die vielen kleinen Leute, die Bürger und Bauern dagegen, sollten vor Einführung der Lehenbücher zum Lehenempfang und zur Huldigung in Ellwangen persönlich erscheinen. Wie sollte es denn sonst möglich sein, die Masse der kleinen Lehenträger zu überblicken und die ständig wechselnden Lehenverhältnisse zu kontrollieren? Das Band, das die vielen kleinen Lehenempfänger mit dem Lehenherrn verband, bevor die Lehenbücher eingeführt wurden, war der Treueid, wobei persönliches Erscheinen vor dem Abt der Reichsabtei gefordert werden musste. Unsere Ahnen hatten zwar, bevor die Schriftlichkeit der Kanzleien ihnen zu Hilfe kam, gerade was die Besitzverhältnisse an Grund und Boden betrifft, ein hervorragendes Gedächtnis: Sie wurden ja nicht ständig von Informationen aller Art überflutet wie die Menschen unserer Tage. Trotzdem verfielen manche dieser kleinen Lehen der Verschwiegenheit und gelangten in fremde Hände. Ein Eintrag in das Lehenbuch A spricht von "alliu die verswigen lehen, die gelegen sint ze Guntzenhusen in der pfarr und zem Wurmach und Laibenzedel mit aller ir zugehört und die ietz in fremder hant sind und die man von uns niht enpfangen hat, waz man von rehts wegen tun solt" (AG 34/65). Der persönliche Empfang der Lehen der Bürger und Bauern, der eigentlich von ihnen gefordert wurde, war allerdings oft mit Schwierigkeiten verknüpft. Der Weg zum Lehensherrn in Ellwangen erwies sich beim Fehlen moderner Verkehrsmittel als ein Wagnis, zumindest als eine Plage. Wer ein Reitpferd zur Verfügung hatte, wie die meisten niederadeligen Lehenträger wie der Ritter von Muhr, der Lentersheimer, der Geilsheimer, der Walder usw. und auch die reichen Bürger von Gunzenhausen, konnten die Strecke von der Altmühl bis Ellwangen wohl an einem Tag bewältigen. Wenn Nürnberger Briefboten den Weg nach Venedig in 4 bis 6 Tagen zurücklegten (26), bedeutete wohl für die Lehenempfänger aus Gunzenhausen die Strecke nach Ellwangen keine besondere Belastung, wohl aber für die kleinen Leute, die um 1 Tagwerk Wiese zu erhalten, nach Ellwangen zu Fuß gehen mussten. Ihnen blieb der anstrengende Fußmarsch nicht erspart. Oftmals erschienen Leute aus dem Altmühlraum um Gunzenhausen nach anstrengendem Fußmarsch in Ellwangen und trafen dort weder Abt noch Lehenverwalter zur Abnahme ihres Leheneides an, weil diese verreist waren. Dann wurde ihnen vielleicht nachträglich ihr Lehen eingetragen aber mit der Bemerkung: "Hat noch nicht gehuldet". Man vermied den Alleingang nach Ellwangen, wenn die Zeiten unsicher waren. In Gemeinschaft fühlten sich die Lehenempfänger sicherer. Einige Bürger und Bauern hatten Lehen empfangen, ohne dass sie zur Huldigung in Ellwangen erschienen waren. Darüber war man erbost und die Abtei machte kurzen Prozess und verlieh alle verschwiegenen Lehen in der Pfarrei Gunzenhausen dem Lehenprobst Heinrich in Gunzenhausen. Das erweckte Unmut bei den Leuten an der Altmühl, denn es bestand die Gefahr, dass sie plötzlich ihrer Lehen wieder loswurden. Die Beschuldigten, von denen der Abt annahm, sie hätten ihre Lehen verschwiegen, weil sie nicht zur Huldigung und Eidesleistung persönlich in Ellwangen erschienen waren, wandten sich nun an den Rat der Stadt Gunzenhausen. Dieser bat in einem mit dem Siegel der Stadt Gunzenhausen versehenen Brief, der Abt möge die dem Lehenprobst Heinrich wohl zu Unrecht verliehenen Lehen, den Bürgern und Bauern wieder verleihen. Sie entschuldigten ihre Nachlässigkeit mit der Behauptung, einige dieser Verweigerer der Huldigung "hätten die Lehen gern von iwern gnaden (Euer Gnaden) enpfangen und sprechen auch, si welten mer lewt bringen, da chond (konnte) in (ihnen) nimant gesagen, wo ihr wert (wo ihr ward) Und ob iwer gnad ir selb daheim nit werd, so biten wir getrewlich, wer iwer pfleger ist". Ob das Verschweigen der Lehen wirklich aus Versehen und Nachlässigkeit geschah oder ob eine bestimmte Absicht dahinter steckte, die Lehen stillschweigend in ihr Eigentum zu verwandeln, sei dahingestellt. Jedenfalls bat man untertänigst: "Lieber herr, lat dis sach gütlich durchgen und leiht den lewten, wann (denn) wir fürhten, es würd gar wild und heftig, das Euch nit nutz brecht" Noch einmal betonen die Verschweiger der Lehen: "Man hat auch den lewten (die zum Lehenempfang erschienen waren), oft gesagt, daz ir daheim nit wert" und fügten vielleicht als Ausrede hinzu "und forhten (fürchten) auch die lewt Eggelein Geiling, daz sie vor dem nit gen Elwangen iwer gnad suchen mohten" (AG 34/106). Die Namen der Bürger aus Gunzenhausen und der Bauern, die um Wiederverleihung baten, waren: Heintz Merklein, Seitz Habolt, Großsitz von Gunzenhausen, Fritz Weggman, Peter Engelschalk, Heintz Kunigszhofer, Peter Kungzhofer, Weggheintz, Vogtheintz, Kungund und Zehin, Heintz Fleischman, Herman Lepphenmair.


 
 
(26)Lore Sporhan-Krempel, Nürnberg als Nachrichtenzentrum zwischen 1400 und 1700 ,Nürnberg 1968, S. 26 ff.
 
 
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