Die Ellwanger Lehen im Raum Gunzenhausen im 14. Jahrhundert 
 
 Lehenfähigkeit 
 
 

Nicht jedermann wurde im Mittelalter zum Empfang eines Lehens für würdig befunden. Nach dem Lehenrecht, das sich im Laufe der Jahrhunderte herausbildete und viele Wandlungen durchlaufen musste, waren ursprünglich Geistliche niederen Ranges, Frauen, Kaufleute, Bauern, Juden, Geächtete und Unehrliche vom Empfang eines Lehens ausgeschlossen. Doch im ausgehenden Mittelalter drang das Lehenswesen, das in frühesten Zeiten nur eine Angelegenheit des Adels war, auch in die unteren Gesellschaftsschichten ein, so dass auch Bauern und Bürger Lehen empfangen konnten. Demgemäß unterscheidet man in der Fachsprache Bürger-, Bauern- und Beutellehen (4). Sogar Knechte konnten Lehen erhalten: "Item Hanns, Herman Lepfenmayers knecht daselbs hat ze lehen 1 tagwerk wismatz, ist gelegen in der Biund. Daz enpfing er eodem die" (20. Oktober 1381) (AG 34/105). Auch Frauen vermochten, obwohl sie die Lehendienste nicht leisten konnten, Lehen in Empfang zu nehmen. Sie bedurften jedoch dazu einer männlichen Person, die an ihrer Stelle das Lehen empfing und verwaltete. Darüber vermitteln die Lehenbuchauszüge schöne Beispiele. Da erhielten z.B. am 20 April 1366 eine gewisse Kunigunde, genannt Striglerin, und ihr Söhnchen Haintzlinus, der noch nicht über die nötige Weisheit verfügte, ein Joch Acker, gelegen by dem stige an der Sinterlachen und ein Tagwerk Wiese, gelegen bei der Beunde bei dem niederen (unteren) Weg, und 2 Tagwerk Wiesen, gelegen auf der Martinswies. Und haben dem vorgenannten Knaben und siner muter biz er zu sinen tagen komt - der was des selben jars wol acht iar alt- Jochfritzzen von Slumenhouen in getrewer (getreuer) hant zu trager geben. Und wenn der knab zu sinen tagen kumt, so sol er die gut ze lehen enphan von uns oder unsern nachkomen" (AG 34/24). In diesem Lehenbuchauszug, der halb lateinisch, halb deutsch niedergeschrieben wurde, wird von einer Frau Kunigunde, genannt Striglerin, berichtet. Ob sie in Gunzenhausen gelebt hat, ist nicht sicher zu entscheiden (5). Der Eintrag steht aber unter Gunzenhausen. Sie war wohl Witwe oder unverheiratet. Für ihren unmündigen Sohn- er war erst 8 Jahre alt und "noch nicht zu seinen Tagen gekommen", - das heißt: er war noch nicht volljährig - wollte sie Vorsorge treffen und ihm Grundstücke des Klosters Ellwangen zukommen lassen. Da weder sie als Frau noch ihr minderjähriger Sohn lehenfähig waren, wendeten sie sich an den Jochfritz von Schlungenhof. Der übernahm die Trägerschaft des Lehens, bis der Sohn Kunigundens zu seinen Tagen kam, also Lehenfähigkeit erreichte. Wenn ein Lehenempfänger wegen seines minderen Alters noch nicht lehenfähig war, wählte man gern einen Verwandten, der für das Lehen verantwortlich zeichnete: "Cuntz Helt hat enpfangen 2 tagwerk an der Lankweid (6) und 2 tagwerk an der brucken zu Guntzenhusen und ein acker by der Sinterlachen, do zwyfelt er. Er aber ist trager Fritzlin, Ulin helts sun, 1 ½ tagwerk der Biund, die Ulin Becken was, in Zöpfen gelegen, 2 tagwerk uff der Wrmach. Und wann der selb Fritzlin siner lehen begehrt, so sol sie ihm Chuntz Helt uffgeben. Doby sint gewesen der Walder und Ulrich Wideman, der Zwelfer (7) zween zu Guntzenhuse" (AG 34/178 u. 179). Die Lehenfähigkeit musste wohl immer eine Person betreffen, keine Körperschaft: " Item es hat min herr Albrecht (Abt Albrecht Hack von Wöllstein 1367-1400) verlihen Fritzen Zanger, (8) pfleger ze Steten sant Peter, ½ tagwerk wismats, lit ze Wrmach, mit der beschaidenheit, wenn er abgesetzt wird oder abget von tods wegen, so sol es alweg ein heiligenpfleger do selbs bestan und sol kumen mit wagender hant ze rehten ziten. Und enpfing es anno domini 1382 (AG 34/155).


 
 
(4)Dr. Ernst Klebel, Territorialstaat und Lehen in Studien zum mittelalterlichen Lehenswesen in Vorträge und Forschungen, Konstanz 1956, S. 196 -228.
(5)Nach der Striglerin könnte die Striglinwies benannt sein (AG 34 Nr. 102)
(6)Der Flurname Lankweid lautete ursprünglich Lankwat und bedeutet wohl "lange Furt" Daraus ist später "Langweidwasen "geworden.
(7)Unter der Bezeichnung "Zwölfer" verstand man im 14. Jahrhundert die Mitglieder des Inneren Rates der Stadt, der aus 12 Personen bestand.
(8)Fritz Zanger war um diese Zeit Heiligenpfleger (Kirchenpfleger) der Kirche St. Peter zu Stetten.
 
 
 
Fortsetzung