Die Ellwanger Lehen im Raum Gunzenhausen im 14. Jahrhundert 
 
 Lehenempfang hochadeliger Herren 
 
 

Im klassischen Lehenswesen, wo reiche Adelige an Minderreiche gleichen Standes Lehen vergaben, hatte sich für den Lehenempfang eine eigene Verhaltensform, ein eigenes Ritual, herausgebildet. Das mochte von Fall zu Fall einige Unterschiede aufweisen, folgte im Allgemeinen aber einmal eingebürgerten Gewohnheiten. Für Ellwangen sollten für die hohen Herren folgende Formen gelten: "Der Lehensherr sitzt auf einem Thron, der Vasall (Lehensempfänger) macht vor ihm eine Kniebeuge und berührt sein Gewand, dann steht er auf und küsst den Abt. Dieser verleiht ihm darauf die Lehen und fordert den Vasallen auf, den Lehenseid zu sprechen Ein genaues Formular dieses Eids liegt freilich erst aus etwas späterer Zeit vor; am Anfang stand nur eine allgemeine Verpflichtung zur Treue" (9). Grundsätzlich sollte jeder, der ein Lehen begehrte, nach Ellwangen kommen und es aus der Hand des Abtes erhalten. Doch mancher hohe Herr, der sich standesgemäß dem Abt ebenbürtig oder gar überlegen fühlte, suchte den Gang nach Ellwangen zu meiden und den Lehenempfang auf andere Art zu vollziehen. Dafür bieten die Auszüge im Lehenbuch für den Fall Gunzenhausen ein Beispiel: "Hie ist ze merken, daz graff Fridrich, burggraff ze Nürnberg, zu uns abt Albrecht (10) kom ze Dinkelsbuhel in der gassen vor unser frawen brüder und bat uns, daz wir im verlihen sinew lehen. Da sprachen wir, was er enphaen wollte. Da sprach er, er wölt enphagen Guntzenhusen. Da sprachen wir, er solt enphaen die vesten Cadelspurg und Bairrut (Bayreuth), die het sin vetter selig von den gotshus und von abbt Kunen (11), sinem vorfarn, enpfangen. Da sprach der burggraff, er west nichts mer dann Guntzenhusen, daz von uns und von dem gotshus (Kloster Ellwangen) lehen wer. Wer aber ihtes iht (irgend etwas) mehr lehen, das wöllte er gern zu lehen han. Daby stund der von Zolr (Zollern) und Chunrad von Hurnheim (Hürnheim), unser swager, her Lewpolt von Seldenegg und Ulrich der Hagg, unser bruoder, und auch her Hans von Seldenegg und viel ander erbar luet. Actum feria secunda ante Sixti (30. Juli 1375)" (AG 34 Nr. 35).
Nach diesem Auszug aus dem Lehenbuch des Klosters Ellwangen war hier ein hochadeliger Mann, der Burggraf Friedrich von Nürnberg, als Lehensmann des Klosters Ellwangen unter Abt Albrecht Hack aus dem Geschlechte der Hacken von Wöllstein erschienen, aber nicht in Ellwangen, wie es eigentlich Pflicht gewesen wäre, sondern in der Reichsstadt Dinkelsbühl "in der gassen vor unserer frawen brüder". Damit ist wohl als Ort der Zusammenkunft das Karmeliterkloster gemeint, denn die Angehörigen dieses Ordens nannten sich "Unserer lieben Frauen Brüder". Dass Dinkelsbühl als Treffpunkt zur Lehennahme gewählt wurde und nicht Ellwangen, ist sicherlich kein Zufall und mag wohl seinen besonderen Grund gehabt haben. Der Lehensherr Abt Albrecht Hack von Wöllstein entstammte einem Ministerialengeschlecht, stand also vom gesellschaftlichen Stande her unter der Stufe der Edelfreien und Grafen, aber er zählte als Leiter einer Reichsabtei zu den Reichsfürsten wie der Burggraf von Nürnberg. Wäre dieser zum Lehenempfang in Ellwangen erschienen, so hätte er doch wohl die Formalitäten Lehenseid und Lehenskuss erfüllen müssen und das wäre unter den Augen der damaligen Gesellschaft doch unter seiner Würde gewesen. Der Burggraf erfüllte seine Lehenspflicht schon, wenn er überhaupt zum Lehenempfang kam, sei es auch an einem andern Ort. Der Abt wiederum erschien in Dinkelsbühl mit einer Anzahl seiner vornehmen Gefolgsleute und brachte damit seine Macht als Lehensherr zum Ausdruck. Beide hohen Herren einigten sich gütlich und erkannten an, dass die Stadt Gunzenhausen ein Lehen der Reichsabtei Ellwangen war. Der Eintrag bezeugt übrigens einen Neuempfang, denn jedes Mal, wenn ein neuer Abt im Kloster aufzog, war es üblich, dass er seine Vasallen um sich scharte und ihnen ihre Lehen neu verlieh. Gunzenhausen war schon lange Lehen der Abtei Ellwangen, es handelte sich also in Dinkelsbühl um eine Neubelehnung.


 
 
(9)Bernhard Theil, Das Lehenswesen des Klosters Ellwangen im Spätmittelalter in Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 1975/76, Stuttgart, S. 101 -122.
(10)Abt Albrecht Hack von Wöllstein (1367-1400).
(11)Abt Kuno von Gundelfingen (1322 - 1367).
 
 
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