Die Ellwanger Lehen im Raum Gunzenhausen im 14. Jahrhundert 
 
 Die Stadt Gunzenhausen als Lehen der Reichsabtei Ellwangen 
 
 

Dass Äcker und Wiesen, Höfe, Hufen und Hofstätten im Altmühlgrund im 14. und 15. Jahrhundert von der Reichsabtei Ellwangen an Grafen und Edelherren, an Ritter, Bürger und Bauern verlehnt werden konnten, wird aus den Einträgen in die Lehenbücher ersichtlich. Dass diese Lehenstücke wieder von Lehenträgern an andere Leute verkauft wurden, ist ebenfalls öfters bezeugt. Dass aber auch gleich eine ganze Stadt wie Gunzenhausen von der Reichsabtei Ellwangen zu Lehen an Grafen ausgegeben und von diesen wieder an andere hohe Herren mehrmals verkauft wurde, muss denjenigen verwundern, der mit den rechtlichen Formen des Lehenswesens nicht vertraut ist. Und doch muss das so gewesen sein, denn im Jahre 1349 wollte der bisherige Lehenträger Graf Albrecht von Oettingen sein ellwangisches Lehenstück, die Stadt Gunzenhausen, verkaufen. Als Käufer fand er den im Güterhandel erfahrenen Ritter Burkard von Seckendorff, den Gerhard Rechter einen "niederadeligen Territorialpolitiker" nennt (34): Doch der Verkauf konnte nicht ohne Genehmigung des Lehensherrn, des Klosters Ellwangen erfolgen. Graf Albrecht von Oettingen sandte nun sein bisheriges Lehen (die Stadt Gunzenhausen) dem Abt von Ellwangen auf, das heißt, er gab ihm sein Lehen Gunzenhausen zurück. Der Abt von Ellwangen erteilte als Lehensherr die Genehmigung zum Verkauf und belehnte daraufhin Burkard von Seckendorff mit dem Lehenkomplex Stadt Gunzenhausen. Der Vorgang lässt sich auf die kurze Formel bringen: Verkäufer des Lehens Stadt Gunzenhausen: Graf Albrecht von Oettingen. Käufer: Ritter Burkard von Seckendorff. Kaufpreis: 4200 Gulden. Genehmigungsbehörde: Abt Kuno von Gundelfingen, Vorsteher der Reichsabtei Ellwangen (35). Diese Urkunde über den Verkauf des ellwangischen Lehens Gunzenhausen durch den Oettinger Grafen Albrecht an den Ritter Burkard von Seckendorff im Jahre 1349 ist insofern bedeutsam, weil hier erstmals der Ort Gunzenhausen als Stadt erwähnt wird. Da in den vorhergehenden Jahren von der Stadt Gunzenhausen nicht die Rede ist, verleitet diese Urkunde die Forscher zu der Annahme, die Oettinger wären schon Jahrzehnte zuvor die Herren über die Stadt gewesen und hätten sie auch gegründet. In Wirklichkeit dauerte die Herrschaft der Grafen von Oettingen über Gunzenhausen nur wenig über 20 Jahre, während die Truhendinger Grafen über 200 Jahre in Gunzenhausen anwesend waren und wohl als die Gründer der Stadt gelten dürfen. Als königliche Grundherrschaft ging die dorfartige Kleinsiedlung Gunzenhusir im Jahre 823 an die Reichsabtei Ellwangen über, als Stadt erscheint das ellwangische Lehen Gunzenhausen 1349 im Besitz der Grafen von Oettingen. Hier erhebt sich nun die Frage: Wer hat das ellwangische Lehen Gunzenhausen zur Stadt erhoben? Wer hat diese enorme Wandlung bewirkt? Die Stadtgründung Gunzenhausen ist ein geschichtlicher Vorgang, der der urkundlichen Verschwiegenheit unterliegt und daher zu den verschiedensten Thesen Anlass gab. Während die ältere Forschung (Ritter v. Lang, Stark) die Meinung vertrat, Gunzenhausen sei als Stadt von den Edlen von Truhendingen gegründet worden, glaubten die verdienstvollen Forscher der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wie Pfarrer Lic. Clauß: "Gunzenhausen war (im 12. Jahrhundert) weder truhendingischer noch oettingischer Besitz geworden, sondern war noch immer in ellwangischen Händen (36). Und Dr. Eidam schreibt 1925: "Gunzenhausen selbst ging die Truhendinger gar nichts an, das gehörte auch später, als die Siedlung Gunzenhusir immer größer und schließlich Stadt geworden mit Toren, Türmen, Mauern und breitem Graben dem Abt von Ellwangen, so seltsam dies auch den Bürgern der Stadt vorgekommen sein mag" (37). Nach den Vorstellungen von Clauß und Eidam müsste man glauben, die Stadt Gunzenhausen sei vom Kloster Ellwangen gegründet worden. Im Jahre 1950 entstand von Dr. Karl August Bergler die Dissertation "Das markgräfliche Oberamt Gunzenhausen. Ein Beitrag zur Entstehung der Territorialhoheit im südlichen Franken" (Maschinenschrift) (38). Darin geht der Verfasser auch auf Seite 31 auf "Die Wurzeln des Gerichts Gunzenhausen und die Bildung seiner Grenzen" ein. Die Frage, wer die Stadt Gunzenhausen gegründet hat, wird nicht näher erörtert, es wird nur vermutet: "Als die gesamte königliche Grundherrschaft Gunzenhausen an Ellwangen fiel, wurde statt des villicus, des königlichen Beamten, der Vogt des Klosters Ellwangen als Richter in der damals noch geschlossenen Villikation eingesetzt". Bergler bringt als neue geschichtliche Teilkraft für die Weiterentwicklung der Herrschaftsbildung an der Altmühlfurt erstmals die Vogtei, die weltliche Schutzherrschaft über die ellwangischen Lehen an der Altmühlfurt, ein. Allerdings ist er der Meinung, die Grafen von Oettingen übten als Vögte des Klosters Ellwangen und nicht zuletzt als Inhaber einer Grafschaft und mit der Hochgerichtsbarkeit auch die Herrschaft um Gunzenhausen aus. Die These, weil die Grafen von Oettingen im 12.und 13. Jahrhundert die Vogtei über das Kloster Ellwangen besaßen, müssten sie auch schon immer die Vogtei über die von Ellwangen weit entfernten Lehengüter an der Altmühlfurt in Besitz gehabt haben, beherrschte damals die lokalgeschichtliche Forschung. Und dieser Ansicht hängt man in der wissenschaftlichen Literatur zum Teil heute noch an. So liest man im Handbuch der Bayerischen Geschichte, Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts auf Seite 584, Die Oettiger hätten die Stadt Gunzenhausen dem Kloster Ellwangen entfremdet , und im Heidenheimer Heimatbuch Seite 120 ist zu lesen: "Mit dem Streubesitz außerhalb des Klosters (Ellwangen) waren die Grafen von Oettingen betreut, also auch über die klösterliche Villikation Gunzenhausen". Die oettingsche Vogtei über Gunzenhausen dauerte allerdings nur wenige Jahre (ca.1330 - 1349): Wären die Grafen von Oettingen schon im 12. und 13. Jahrhundert die Vögte über die ellwangischen Lehen um die Altmühlfurt gewesen, so muss man sich fragen: Was hat dann 1309 ein urkundlich bezeugter Vogt der Truhendinger in der Stadt Gunzenhausen zu suchen? Wie konnte es kommen, dass hier in dieser angeblich oettingischen Stadt Gunzenhausen die Edlen von Truhendingen den Kirchensatz im 13. Jahrhundert der Abtei Ellwangen streitig machen und ihren Hausgeistlichen Wernhard auf die Pfarrstelle setzen konnten (39)? Wie war es möglich, dass die Truhendinger hier in Gunzenhausen ihre Urkunden ausstellen konnten? Trägt man alle Quellen zusammen, die sich vom 12. bis zum beginnenden 14. Jahrhundert auf Gunzenhausen beziehen, so findet man keine einzige, die in dieser Zeit eine Herrschaft der Grafen von Oettingen über die ellwangischen Güter an der Altmühl und damit auch über die Stadt Gunzenhausen bezeugen könnten. Dagegen sprechen alle schriftlichen Nachrichten dafür, dass vor dem Erscheinen der Grafen von Oettingen im Jahre 1337 -1349 die Edlen von Truhendingen die Vogtei über die ellwangischen Güter an der Altmühl innehatten und wohl als Gründer der Stadt Gunzenhausen anzusehen sind. Die Ellwanger Lehen bildeten eine Grundlage dieses Unternehmens.


 
 
(34)Gerhard Rechter, Ein niederadeliger Territorialpolitiker im spätmittelalterlichen Franken: Burkard v. Seckendorff- Jochsberg in Jahrbuch des Historischen Vereins Mittelfranken, Festschrift für Günther Schuhmann" S. 19.
(35)Alt-Gunzenhausen Heft 13/1936, S. 9 Nr. 17.
(36)Alt Gunzenhausen Heft 2/1925, S12.
(37)Wie Anmerkung 36, S. 51.
(38)Dr. Karl August Bergler, Das markgräfliche Oberamt Gunzenhausen (Maschinenschrift), S. 31/32.
(39)Heidungsfelder, Regesten der Bischöfe von Eichstätt Nr.815 u. 816.
 
 
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