Die Ellwanger Lehen im Raum Gunzenhausen im 14. Jahrhundert 
 
 Die Ritterlehen an der Altmühl 
 
 

In den Auszügen aus den beiden ältesten Lehenbüchern der Reichsabtei Ellwangen kommt nicht zum Ausdruck, welchem Stande die Lehenempfänger angehörten, ob freiadeliger, niederadeliger, bürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft. Das ist in den Lehenbüchern vieler anderer geistlicher und weltlicher Lehensherrn nicht anders. Dem Lehensherrn war es bei Ausgabe dieser kleinen Lehenkomplexe wohl ziemlich gleichgültig, wer sie empfing; Hauptsache war, sie wurden nicht der Abtei entfremdet oder verschwiegen. Daher nennen die Einträge in den Lehenbüchern auch nur die Namen der Belehnten, ohne auf ihre Standeszugehörigkeit hinzuweisen. Daraus darf man nun freilich nicht den Schluss ziehen, der niedere Adel an der Altmühl bei Gunzenhausen sei an der Lehenvergabe des Klosters Ellwangen überhaupt nicht beteiligt gewesen. Aus den Namen der Lehenträger und der Art und Größe der Lehenstücke, die sie empfingen, lässt sich sehr oft wohl feststellen, ob ein Ritter, Bürger oder Bauer der Empfänger war. Da ergibt sich nun, dass fast alle niederadeligen Familien an der Altmühl um Gunzenhausen im 14. und 15. Jahrhundert Lehen von Ellwangen empfingen. Im Einzelnen waren folgende Ritterfamilien an der Lehenvergabe beteiligt:

Von der weit verzweigten Familie der eichstättischen Dienstmannen von Muhr erhielten am 15. November 1365 ein gewisser Konrad de Mure und Walher Bütenfelder 1 Tagwerk Wiese "gelegen auf dem Ganswerde", und ein Tagwerk Wiese "gelegen bei den Brückleinsäckern" und "2 Äckerlach von 1 ½ Morgen auch da gelegen" (AG 34/19). Ein Kunz (Konrad) von Muhr hat um 1370 zu Lehen "ein hube zu Guntzenhusen, da Helembrech uff sitzet, und darin gehören dri selde und ein Wiz (Wiese) daselbs, haizzet die Stockwies: und fünf morgen akkerz daselbes, hayzzent dez Ruppen ekker und ligent by Saltzmans ekkern. Er haut auch ze lehen einen hof ze Nidern Wrmach, da der Stumpf uff sitzzet und ein wisen, der sint zwey tagwerk, hayzzent die Ganswaide. Er hat auch ze lehen da ze Labatzedel wissen und ekker, hayzzent dez Bruggeners wissen und ekker" (AG 34/42).
Obwohl in diesem Eintrag nur der Name des Belehnten genannt wird, ohne Adelsbezeichnung, darf man annehmen, dass dieser Kuntz von Muhr der niederadeligen Familie der Muhrer angehörte, denn dieser Lehenkomplex, der eine Hube (Hof, der einem Meierhof untersteht) zu Gunzenhausen mit 3 dazugehörigen Selden (Kleingut, Hofstatt) und einen Hof zu Unterwurmbach umfasste, wurde von dem Ritter Kunz von Muhr nicht selbst bewirtschaftet, sondern als Afterlehen an wirtschaftende Bauern ausgegeben. Um 1390 meldet ein Lehenbucheintrag: "Stephan von Muhr haut enpfangen dry selden hofstat in der vorstat und ein hofstat in der stat ze Guntzenhusen gelegen, die vor (zuvor) sin bruder Engelhart auch enpfangen hat". AG 34/166). Die Muhrer, die meist ihre Güter vom Bischof von Eichstätt zu Lehen trugen, konnten also auch Lehen von der Reichsabtei Ellwangen in Empfang nehmen, ohne ihr Dienstverhältnis zum Bischof von Eichstätt zu verlieren. Das ist für das Mittelalter nichts Besonderes. Schon die berühmten Reichsministerialen des 12. Jahrhunderts wie Werner von Bolanden oder Markward von Annweiler in der Pfalz hatten von mehr als 40 Lehensherren Lehen in Empfang genommen (12).

Neben den Rittern von Muhr treten in den beiden ältesten Lehenbüchern die Ritter von Lentersheim als Lehenempfänger von Ellwangen im Altmühlraum um Gunzenhausen hervor. Ihre Stammburg stand einst auf dem so genannten Schlößleinsbuck, einem Ostausläufer des Hesselberges bei Lentersheim. Dort ist heute noch die Ruine zu erkennen. Im Jahre 1430 kaufte Konrad von Lentersheim das Schloss Altenmuhr und dort wurzelten nun verschiedene Zweige der Familie ein (13). Von Ellwangen erhielten schon um 1380 die Lentersheimer Lehen, wie folgende Auszüge bestätigen: "Item Cuntz von Lentersheim der iunger haut ze lehen enpfangen waz der hat zum Schlumenhof und ze Guntzenhusen daz vischwasser und da der Schall uff sitzt ze Obern Wrmach und da daz Schniderlein uf sitzt ze Under Wrmach" (AG 34/45). Hier wird als Lehengegenstand ein Fischwasser zu Gunzenhausen erwähnt, das von Ellwangen um 1380 zu Lehen geht. Es handelt sich um ein Recht, Fische in einer bestimmten Strecke der Altmühl bei Gunzenhausen zu fangen. Nun wird aber schon im Handlungsbuch der Holzschuher ein "Scheidel piscator in Gunzenhausen" genannt, der im Dienste der Stadtgründer, der Grafen von Truhendingen, stand (14). Es scheint, dass dieses Fischwasser noch aus den Zeiten des alten Klosters Gunzenhausen stammte und die Truhendinger sich bei der Stadtgründung einen Teil davon aneigneten, den sie durch einen Fischer betreuen ließen.

Eine bekannte Ritterfamilie, die im nahen Geilsheim einst unter den Grafen von Truhendingen ihren Dienstsitz hatte und von der dann ein Mitglied freiwillig oder vom Dienstherrn gezwungen in die Stadt Gunzenhausen zog, waren die Geilsheimer. Ein Markward von Geilsheim erscheint schon 1198 als Domherr in Eichstätt (15). Ein Angehöriger mit dem truhendingischen Leitnamen Friedrich wirkte 1282 als Zeuge in einer Urkunde Graf Friedrichs von Truhendingen (16). Nachkommen dieser Familie unter dem Leitnamen Ulrich treten im 14. Jahrhundert in Gunzenhausen als Bürger auf, pflegen aber ritterliche Tradition, betreiben einen lebhaften Güterhandel auf dem Lande und nehmen Lehen vom Kloster Ellwangen: "Wlrich (Ulrich) Gyselshemer ze Guntzenhusen hat enphangen dryen tagwerk wismats und 1 iuchart ackers, gelegen in der Nidern Aw by Guntzenhusen, daz pfaff Wolf gemachz hat, daz gewesen ist Chuntz Ernrychen und Chuntz Schaffetlins (AG 34/180). Die Benennung erfolgte zu dieser Zeit des 14. Jahrhunderts noch teils mit dem Adelsnamen Ulrich von Geilsheim, teils aber schon mit der bürgerlichen Form Ulrich Geilsheimer. Ein Jahrtag des Udalricus Geiselhaymer ist unterm 11. August 1463 im Jahrtagsverzeichnis der Pfarrei Gunzenhausen verzeichnet (17).

Eine Familie ritterlicher Herkunft in Gunzenhausen waren die Walder. Die Spuren ihrer Ahnen führen in das benachbarte Dorf Wald im Altmühltal, heute ein Ortsteil von Gunzenhausen. Dort war im 13. Jahrhundert ein Rittergeschlecht beheimatet, das sich nach Wald nannte und im Dienste der Bischöfe von Eichstätt und ihrer Vögte, der Edlen von Truhendingen, stand (18). Ein Glied dieser Familie der Walder zog in die Stadt nach Gunzenhausen oder wurde von den Edlen von Truhendingen dorthin verpflanzt und nahm bürgerliche Lebensformen an. Die Walder spielten schon im 14. Jahrhundert eine führende Rolle in der Stadt (19). Auch sie nahmen Lehen von Ellwangen in Empfang: "Item Hans Walder hat ze lehen enpfangen, waz er ze Guntzenhusen und ze Wurmach hat. Daz sol er herauff geschriben geben (nach Ellwangen). Anno domini 1379. Des ist ein 5 hofstat und 3 morgen ackers zu Wurmach. Und er hat enpfangen ein gut, but (baut) Hutzelmeir zu Ubenprunnen, was Raysners und Lienhart Gredingers zu Wyssenburg 1395 September 6 (AG 34/118). Dieser Eintrag zeigt, dass zu dieser Zeit der Lehenempfang sozial höher stehender Lehenträger schon in schriftlicher Form vollzogen werden konnte und persönliches Erscheinen in Ellwangen nicht immer notwendig war. Hans Walder war Zwölfer (Mitglied des inneren Rates zu Gunzenhausen). Er führte ein eigenes Siegel, das zur Beglaubigung verschiedener Lehenstücke auch von anderen Lehenträgern erbeten wurde. Man schenkte ihm in Ellwangen viel Vertrauen, so dass er sogar im Auftrag des Abtes Lehen vergeben konnte: "Hummelheintz sol enphahen 3 iuchart an dry stucken by den siechen gelegen. Und ihm sol lyhen Walder oder Wideman. Wöllt er aber nit swern, so sollen sie ihn rügen, es enbieten und sollen ihm nit lyhen" (AG 34/173). Hans Walder und seine Nachkommen waren im gesamten Umland von Gunzenhausen bekannt. Man nannte ihn kurz "der Walder" und jedermann wusste, wer gemeint war. Als bekannte, ehrenwerte Persönlichkeit hatte er das Vertrauen der Altmühltaler gewonnen. Seine Rechtskenntnis und sein Vertrauen wirkten auch noch bis in den Hahnenkamm, denn man holte den Walder als Schiedsrichter bei Grenzstreitigkeiten an der Basenmühle bei Heidenheim und als Gutachter bei riskanten Einkäufen (20).

Eine ritterliche Familie, die Grund und Boden von Ellwangen im 14. Jahrhundert zu Lehen trug, waren die Hefner. Betrachtet man ihren Namen, so könnte man glauben, ihre Ahnen seien einmal Handwerker gewesen und hätten Küchengeschirr hergestellt oder damit gehandelt. Diese Ansicht kann nicht ganz ausgeschlossen werden, denn in jener Zeit des ausgehenden Mittelalters versuchten immer wieder Leute aus den Unterschichten der Gesellschaft höheres soziales Ansehen zu erreichen und in den verblassenden Glanz des Rittertums aufzusteigen, indem sie Ritterlehen von einem Lehenherrn nahmen. Die Grenzen zum Aufstieg in den Ritterstand waren dazumal nach unten weit offen. Es konnte also auch ein Bauer Ritter werden. Ob auch Angehörige unserer Gunzenhäuser Ritterfamilie der Hefner einst auch diesen Schritt vollzogen haben, ist nicht mehr zu ermitteln. Jedenfalls hatte Götze Hefner ze Guntzenhusen ze lehen einen hof in der stat und waz darin gehört und einen hof ze Labatsedel und ein huob (Hof) daselbez, waz darin gehört" von Ellwangen zu Lehen (AG 34/66). Dass ein Burkhart Häfener ze Guntzenhusen sich als dem Ritterstande zugehörig fühlte, ergibt sich aus dem Lehenbrief (AG 34/125).

Der Hof, den vormals ein gewisser Götz Hefner von Ellwangen zu Lehen trug, gelangte später in die Hände des durch Sage und Geschichte bekannt gewordenen Ritters "Eppelein von Geilingen". Der Eintrag in das Lehenbuch A lautet: "Item Ekling Geylinge hat ze lehen uss dem holtze ze Wrmach, daz da gehaysen ist die Hayde, alle wochen ein Fuder (Fuhre) holzes und daz hirtenrecht ze Obern Wrmach; davon haut er elli jar ein sumrin habern geltez (die Habergült) und Meklings gut ze Nydern Wrmach und einen hof ze Guntzenhusen und waz darein gehört, waz vor (zuvor) Götzen Hefners" (AG 34/43) (21). Eppelein von Geilingen hieß eigentlich Ekling Geiling. Seine Ahnen stammten aus dem Rittergeschlecht der Geilinge von Illesheim bei Windsheim. Sein Vater, der schwarze Geiling, hatte im Auftrag des Bischofs von Würzburg einen Teil der Veste Wald zu Lehen. Eckelein übernahm über seine Schwester Agnes diese Lehen. Am 4. September 1364 schrieb Agnes, die Tochter des verstorbenen schwarzen Geiling zu Walde, an den Bischof von Würzburg, dass ihr Mann, Herr Erkinger Truchsess, verstorben sei, der ihre Lehen an der Veste zu Walde bisher getragen hatte. Sie bittet, ihren Bruder, den Ekling Geiling zu Wald, an ihrer Stelle damit zu belehnen, was der Bischof auch tat (22). 1369 wurden Ekling Gayling von Wald der Ältere, sein Sohn Ekelein und Herr Heinrich vom Stein vom Landgericht der Burggrafschaft Nürnberg wegen ihrer Räubereien geächtet. Am 15. Mai 1381 wurden Ekling Gayling, Hermann und Dietrich die Bernheimer, beide Söhne der Schwester des Ekling, gerädert und vier ihrer Knechte enthauptet. Die Burg Wald bei Gunzenhausen, an der vier Ritterfamilien Anteil hatten, wurde schon 1375 zerstört. Agnes, die Schwester Ekling Geilings, heiratete in zweiter Ehe einen Ritter Fuchs von Sontheim. Dieser verkaufte seinen Anteil an der Veste Wald mit den Zugehörungen an den Burggrafen von Nürnberg (23). Fuchs von Sontheim und seine Frau Agnes, die Schwester Ekleins von Geilingen, zogen in die Stadt Gunzenhausen und erwarben hier einen Hof, der von Ellwangen zu Lehen ging. Chonrad Fuchs von Sontheim starb um 1379. Der Eintrag in das Lehenbuch A lautet: " Item der vorgenant Hainrich Probst hat ze lehen enpfangen den hof ze Guntzenhusen, der Chunrat des Fuchs seligen gewesen ist und den hat vor Pauls Bechteler ze lehen gehebt. Und der bat uns, daz wir in von im uffnemen und in dem vorgenanten Hainrich Probst verliehen" (AG 34/121). Den Hof in Gunzenhausen des Ekling Geiling, der 1369 geächtet und 1381 wegen seiner Überfälle auf Nürnberger Kaufmannszüge hingerichtet wurde, beanspruchte im Jahre 1405 sein Sohn Dietrich Geiling. Dieser war in der Fastenzeit deswegen eigens nach Heidelberg gekommen, wo der Ellwanger Abt weilte, 1407 empfing Dietrich Geiling seines Vaters Hof zu Gunzenhausen und dazu jede Woche ein Fuder (Fuhre) Holz aus dem Walde Heid, das Hirtenrecht zu Oberwurmbach und ein Gut zu Unterwurmbach. Ob die 1507 in Gunzenhausen ansässigen Hans Geiling und der in Schlungenhof 1507 genannte Peter Geiling Nachkommen des Eckling Geiling waren, ist nicht bekannt.


 
 
(12) Karl Bosl, "Dienstrecht und Lehenrecht im deutschen Mittelalter", in "Studien zum mittelalterlichen Lehenswesen" in Vorträge und Forschungen Bd. 5, Konstanz S. 51 - 94.
(13)Darüber: Dr. Rohn, Die Herren von Lentersheim in Alt-Gunzenhausen Heft 37, S. 31-50 und Alt- Gunzenhausen Heft 38, S. 108 -145.
(14)Das Handlungsbuch der Holzschuher in Nürnberg von 1304 -1307, Erlangen 1934, S.1, Zeile 6.
(15)Heidingsfelder, Regesten der Bischöfe von Eichstätt Nr. 541.
(16)Wie Anmerkung 15 Nr. 944
(17)Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 1953 Heft I, S. 17, Nr. 41.
(18)Alt Gunzenhausen 6, Nr. 61
(19)Dr. R. Maurer, Peter Walder in Gunzenhäuser Heimatbote Bd. V, S. 119/20.
(20)So war 1478 ein Walder Zeuge, als der Abt von Heidenheim 1 Tonnen Leinöl beim Seiler in Gunzenhausen kaufte (St. A. Nürnberg Rep.165a, Nr. 704, S. 56).
(21)Eppelein von Geilingen" über ihn näher in Alt-Gunzenhausen Heft 33, S. 24-39 und Hanns Frhr. von u. zu Heßberg: "Eppelein von Geilingen" in Jahrbuch für Fränkische Landesforschung Nr. 40, S. 9 - 13, Neustadt (Aisch) 1980.- Ferner Heinrich Geiling, Die Geiling, ein fränkisches Rittergeschlecht, Neustadt -Aisch.
(22)Wie Anmerkung 21
(23)Alt-Gunzenhausen 13, S. 10, Nr. 26
 
 
Fortsetzung