Die Gelbe Bürg in fränkischer Zeit 
 (Fortzsetzung) 
 
 Zum Flurnamen "Kent" an der Gelben Bürg 
 
 

Zum Schlusse unserer siedlungsgeschichtlichen Beobachtungen um die Gelbe Bürg müssen wir noch einem Flurnamen unsere Aufmerksamkeit zuwenden, der durch seine Seltenheit und Einmaligkeit dem Beobachter nicht entgehen kann. Es ist dies der Name des Waldes Kent unmittelbar am südöstlichen Hang der Gelben Bürg gegen Kurzenaltheim zu. Im heimischen Flurnamengut kehrt dieser Name nicht wieder. Die Flurnamenbücher von Keinath (102) und Schnetz (103) verzeichnen einen Flurnamen Kent nicht. Ebenso findet er sich nicht im Schwäbischen Wörterbuch von Fischer und auch nicht im Deutschen Wörterbuch von Grimm. Oberstudienrat Dr. Heinrich Marzell kam mir freundlicherweise zu Hilfe bei der Suche nach dem Gehalt dieses Flurnamens (104). Er hat alle ihm erreichbaren Quellen herangezogen. Eine befriedigende Deutung konnte aber bisher nicht erreicht werden. Man gewinnt den Eindruck, daß dieser Flurname infolge seiner Einmaligkeit etwas besonderes ausdrückt und vielleicht noch eine Erinnerung an die vorgeschichtliche Höhensiedlung, an die fränkische Burg auf dem Gelben Berg oder an fränkisches Königsgut bewahrt, so daß wir möglicherweise mit der Geschichte des Berges in Beziehung bringen können. Leider ist es bisher nicht gelungen, einen in das hohe Mittelalter zurückreichenden Beleg zu finden. Die mir bekannten Formen stammen alle aus jüngerer Zeit, was allerdings kein Grund dafür ist, das hohe Alter des Namens Kent anzuzweifeln. Mundartlich lautet er auch Kent. Seit der Name verfolgt werden kann, bezeichnet er einen Wald. Im Salbuch des Klosters Solnhofen vom Jahre 1423 finden wir folgende Notiz: "Item daz closter ist gewidempt mit vier welden (Wäldern), daz ist daz hochholtz, Sulhoffer buch, Mulnheimer buch. Und die kenten zu obern altheim vnd mit fisch wassern, wismat vnd mit dem paw. Item wer in der vier welden einen (Stamm) hacket on willen eines Propsts, der ist verfallen einer hant oder 5 sl. Haller vnd 5 pfunt bayrisch oder als lang pey dem stumpf sitzen pis daz ein anderer reiß gewechset in derselben größ" (105). In einer Wildbannbeschreibung vom Jahre 1535 erscheint die Kent wieder als Wald: "Und fürbas zur gerechten Handt hinumb bis an das Holtz, die Kenndt genannt und unter der Kent hinumb bis auf den Weg, der von Mainheim gein Samenheim geht" (106). 1651 erfahren wir Näheres über die Größe und Bewirtschaftung dieses Waldes: "Den 7.ten Martii anno 1651 ist Caspar Müller, Wildmeister zu Meinheim, der wegen daß Holz die Kent genannt ergangenen Fürstl. Befehls vorgehalten und dorauf was ihm wissend gewesen verhöret worden:

 
 
 
  1. Zeugt er an, daß dieses Holz ungefähr 50 Morgen in sich halte und ist vor diesem uf 24 Lohe oder Hüfte auch unter allerhand Herrschafts Untertanen jährlich verteilet worden, woran einer mit ein, 2, 3 oder 4 Clafter betroffen.
  2. Ist es meistenteils gewachsen außer was darinnen verbronnen und Herr Verwalter zu Solnhofen daraus hingeben und verkauft.
  3. Liegt es in der Kurzenaltheimer Markung, welche auch Wasser und Weid darinnen zu genießen haben, sonsten niemand (107)
 
 
 

Wenden wir uns nun dem Inhalt dieses Namens zu. Sachlich wäre eine Beziehung zu Berghang (Gehäng = Keng) (108) gegeben. Die Kent liegt am Südhang eines langgezogenen Bergrückens, der sich von der Gelben Bürg aus nach Osten erstreckt. Aber sprachlich läßt sich eine Übereinstimmung von Keng und Kent nicht zuwege bringen. Die Annahme, der Flurname Kent bewahre noch eine Erinnerung an eine fränkische Centena im Sinne Heinrich Dannenbauers (109) in sich, liegt sachlich nahe. Die Gelbe Bürg selbst oder den Edelhof zu Altheim als Sitz einer Centene könnte man sich wohl vorstellen, zumal die siedlungsgeschichtlichen Zeugnisse, die Ortsnamen und die Königsfreien für eine solche Centene sprechen. Herr Oberstudienrat Dr. Marzell vermittelte freundlicherweise eine Stellungnahme von Herrn Professor Ernst Schwarz in Erlangen zu dem Flurnamen Kent. Sie lautet: "Zu centena kann das Kentholz gewiß nicht gestellt werden. Das lateinische c in centena wurde bis ins 5. Jahrhundert als k gesprochen, dann ist es palatalisiert worden, d. h. es wurde als c = z gehört. Kent müßte zur älteren Entlehnungsgeschichte gehören, dann aber die 2. Lautverschiebung mitmachen, d. h. es müßte Kenz gesprochen werden. Alle Wörter, in denen c noch als k gehört wurde, haben die zweite Lautverschiebung mitgemacht, also Kirsche aus ceresia, wo k zu kch geworden ist, Kicher "Erbse" aus lat. Cicer, wo das spätere mittellateinische cisser zur Entlehnung ziser geführt hat u. a.". Soweit die Stellungnahme von Herrn Professor Ernst Schwarz. Die vielversprechende Vorstellung, der Flurname Kent erinnere noch an eine fränkische Cent (Centena), muß also aus sprachlichen Gründen fallen.
Eine weitere Möglichkeit wäre die, den Flurnamen Kent in vorgeschichtliche Zeiten zurückzuführen und in ihm eine Erinnerung an die befestigte Höhensiedlung auf der Gelben Bürg zu vermuten. Kent wäre etwa ein Name, der eine vielleicht keltische Siedlung bezeichnet. Man hat als Name der befestigten Höhensiedlung auf der Gelben Bürg Mediana angenommen und in römischer Zeit eine Übertragung dieses Namens auf das Römerkastell bei Gnotzheim Medianis vermutet (110). Diese Annahme ist aber nicht urkundlich zu erhärten. Vielleicht bewahrt auch noch der Flurname Kent eine Erinnerung an die befestigte vorgeschichtliche Siedlung. Ein keltischer Name "Cantioibis" für ein Oppidum auf bayrischem Boden nördlich der Donau hat noch nicht festgelegt werden können (111). Kent wäre etwa ein keltischer Name und gleichzusetzen mit dem Namen der englischen Grafschaft Kent, einer bedeutenden Landschaft. Hierzu schreibt Herr Professor Schwarz: "Ob ein Zusammenhang mit dem Keltischen Cantium "Kent in England" möglich ist, wäre zu untersuchen. Für wahrscheinlich halte ich es nicht. Flurnamen in Süddeutschland sind im allgemeinen nicht keltischer Herkunft. Auch wäre dann Verschiebung zu Kenz zu erwarten.
Als letzte Möglichkeit verbleibt dann noch, den Flurnamen Kent in Zusammenhang zu bringen mit dem bairischen Wort kenten = anzünden, heizen. Kendspan, Kent = Kienspan als Fackel (112). Hier wieder die Stellungnahme von Herrn Professor Ernst Schwarz: "Wieweit an bairisches kenten "zünden" gedacht werden kann, wäre auch zu untersuchen. Das Wort, das in der Schwundstufe mhd. künten "zünden, heizen", küntoven "Brennofen" vorkommt, ist in der Gestalt kenten anscheinend auf das Bairische beschränkt. Man müßte prüfen, ob es über den bair. Bereich hinausgeragt hat oder hinausragt. Nach altnordischem kyndr "Feuer" wäre eine ähnliche Bedeutung auch für ein ablautendes kantia in Süddeutschland nicht unmöglich."
Entgegen sprachlicher Beweisführung, lediglich "auf Grund des Sachbefunds" deutet K. Bosl den Ortsnamen Kennenkeim als Königsheim (113). Könnte nicht auch der Flurname "Die Kenten" auf den König bezogen werden? Königsgut um die Gelbe Bürg ist nach all den Beobachtungen zu vermuten. Die Kent wäre demnach ein königlicher Wald gewesen.
Wenn wir die Versuche mustern, den Flurnamen Kent sprachlich zu erklären, dann gewinnen wir den Eindruck, daß keine der vorgetragenen Deutungen sich bis jetzt rechten Beifalls erfreuen kann. Sein einmaliges Auftreten in unmittelbarer Nähe einer vorgeschichtlich bedeutenden Siedlung oder einer späteren fränkischen Burg macht den Namen aber erst interessant und bringt ihn in einen besonderen Zusammenhang. Es bleibt hier eine künftige Aufgabe für einen mit dem nötigen sprachkundlichen Rüstzeug ausgestatteten Namenforscher, dieses Namenrätsel am Fuße der Gelben Bürg zu lösen. Vielleicht lassen sich vom Namen Kent her Beziehungen zur Geschichte der Gelben Bürg knüpfen und ermöglichen so eine Aufhellung der Vor - und Frühgeschichte dieses Berges.

 
 
 
 
 
  102 W. Keinath, Orts - und Flurnamen in Württemberg, Stuttgart 1951
103 Flurnamenkunde von Joseph Schnetz, München 1952
104 Für seine Bemühungen um den Flurnamen Kent sei Herrn Oberstudienrat Dr. Heinrich Marzell an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt
105 St. A. Nbg., Rep. 122, Nr. 97, fol. 6/7
106 St. A. Nbg., Rep. 122, Nr. 59, fol. 6
107 St. A. Nbg., Rep. 3458 I, fol. 209
108 Schnetz, Flurnamenkunde, S. 31
109 Heinrich Dannenbauer, Hundertschaft, Centena und Huntari in Grundlagen der mittelalterlichen Welt, Stuttgart 1958
110 Bay. Vorgeschichtsfreund, Heft 4 S.35
111 Ebenda Heft 4, S. 27
112 Schmeller - Frommann 1, 1260 f.
113 Jahrb. f. fr. Landesforschung, Heft 19, S. 32 und 39
 
 
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