Die Gelbe Bürg in fränkischer Zeit 
 (Fortzsetzung) 
 
 Die vor- und frühgeschichtlichen Befestigungen 
 
 

Auf der Gelben Bürg wurden von jeher reichlich Funde aus fast allen Epochen der Vor- und Frühgeschichte entdeckt. Selbst wer in der Vorgeschichte wenig bewandert ist und diese Höhe nur wegen der prächtigen Fernsicht besucht, wird überrascht sein von der Fülle der Gefäßscherben, die in großer Zahl auf der Oberfläche des Berges und an seinen Hangseiten zwischen den scharfkantigen Splittern des Werkkalks verstreut liegen. Lesefunde auf der Gelben Bürg reizten daher früher zahlreiche Besucher diese Höhe, in der schwarzen Kulturschicht unter der dürftigen Grasnarbe nach Gegenständen zu suchen. Leider sind durch dieses planlose Suchen in alter Zeit wohl auch viele wertvolle Funde verschleudert worden und dadurch der Wissenschaft verlorengegangen. Heute verbietet das Gesetz derartige Grabungen. Der Berg soll sein Geheimnis bewahren, das ja nur der wissenschaftlich geschulte Prähistoriker enträtseln kann. Die schlimmsten Zerstörungen seiner vorgeschichtlichen Wehranlagen erlebte der Berg aber erst am Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts. Als man drunten im Albvorland in den großen Liasdörfern Dittenheim und Sammenheim, denen der Gelbe Berg gehört, dazu überging, die Bauernhäuser, die vormals noch vorwiegend eingeschossig waren, mit einem oberen Stockwerk zu versehen, fand man in dem Werkkalk des Gelben Berges einen brauchbaren Mauerstein, der verhältnismäßig leicht zu brechen und bequem talwärts zu fahren war. Die Verbesserung der Landstraßen und der Feldwege erforderten erhebliche Mengen Schottersteine, die alle aus den Brüchen auf der oberen Terrasse entnommen wurden. Dadurch wurde die Krone des Berges, die oberen Ringwallreste trägt, vom westlichen Steilhang und von den Rändern her sowie auch im Innern besonders auf der Dittenheimer Seite stark angebrochen, so daß die einstige Wehranlage nur mehr bruchstückweise erhalten ist. Ob durch diese Steinbrüche auch merowingische Reihengräber auf der Südseite des Berges zerstört wurden, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Pfarrer Schienagel aus dem nahen Sausenhofen brachte eine schöne Sammlung vorgeschichtlicher Funde zusammen, die er bei seinem zahlreichen Besuchen des Berges in den siebziger Jahren gemacht hatte. Sie gelangen nach Neuburg a. D. in den Besitz eines Kaufmanns Graßecker.
Eine genauere Kenntnis der Vorgeschichte der Gelben Bürg verdanken wir dem Gunzenhauser Vorgeschichtsforscher Dr. Eidam. Dieser wurde am 4. Juni als Sohn eines Fürstl. Hohenlohischen Hofrates in Sommerhausen am Main geboren, Besuchte das Gymnasium in Ansbach, studierte in Erlangen und Würzburg Medizin, nahm am Deutsch- Französischen Krieg 1870/71 teil, kam 1878 als praktischer Arzt nach Gunzenhausen, wo ihm später der Titel eines Obermedizinalrates verliehen wurde, und widmete sich hier mit großem Eifer und wissenschaftlicher Gründlichkeit der Erforschung der Vor- und Frühgeschichte unserer Heimat. Die reichhaltigen Sammlungen in der vorgeschichtlichen Abteilung des Gunzenhauser Heimatmuseums sind sichtbares Zeugnis seiner unermüdlichen Forschertätigkeit (2). Von Anbeginn seines Gunzenhauser Aufenthaltes besuchte Dr. Eidam die Gelbe Bürg. Zusammen mit seinem Freunde Gottlieb Reuter, dem damaligen Rektor der Gunzenhauser Realschule, förderte er in der schwarzen Kulturschicht unter dem Humus eine Menge von Kleinfunden, Gefäßscherben, Tierknochen und Gegenstände von Bronze und Eisen zutage. Eine stattliche Sammlung vorgeschichtlicher Lesefunde von der Gelben Bürg kam zustande. Planmäßige Grabungen jedoch, mit dem Ziel, die gesamte Wehranlage zu untersuchen und das Dunkel aufzuhellen, das über sie gebreitet lag, waren bis zum Jahre 1908 noch nicht durchgeführt worden. Durch einen Zufall wurden Dr. Eidam und sein Mitarbeiter, Pfarrer Hornung aus dem nahen Kurzenaltheim, zu umfangreichen Grabungen veranlaßt. Beim Errichten eines Steinbruches am südlichen Hang kamen weiße Kalkschichten mit eingebetteten Balkenresten an der Außenseite des Walles zum Vorschein. Diese Entdeckung gab Anstoß zu einer planmäßigen Erforschung der Ringwälle mit dem Spaten, eine Arbeit, die sich über drei Jahre (von 1908 bis 1911) hinzog und deren Ergebnisse durch spätere Grabungen bereichert wurden.
Die folgenden Ausführungen sollen vor allem die Geschichte der Gelben Bürg in fränkischer Zeit darstellen. Über die Vorgeschichte des Berges kann hier nur skizzenhaft berichtet werden. Die Grabungen liegen ja schon weit zurück und vielleicht würden moderne Untersuchungen der Wehranlagen die Ansichten über Alter und Anlage dieser Bauten einer Korrektur unterziehen. Für die damalige Zeit jedoch bedeutete die die Erforschung der Gelben Bürg durch Dr. Eidam eine Tat, die die Prähistoriker aufhorchen ließ. Der Kürze halber kann auf eine ausführliche Wiedergabe sämtlicher Grabungen verzichtet werden. Die vielen Schnitte, die durch den Wall getrieben wurden, brachten meist die gleichen Ergebnisse. Dr. Eidam hat in aller Ausführlichkeit darüber berichtet (3). Auf die Anführung einiger Probleme, Wie sie zur Zeit der Grabungen die Prähistoriker beschäftigten, soll aber hier nicht verzichtet werden, damit die fränkische Epoche der Gelben Bürg im rechten Licht erscheint.
Im Jahre 1908 wurde an der Südseite des oberen Ringwalles, etwa 55 Meter östlich von dem dort am südlichen Berghang stehenden Grenzstein in 15 Meter Länge und 2 Meter Breite ein Schnitt durch den ganzen Wall getrieben. Der Wall schien zunächst aus lauter kreuz und quer durcheinanderliegenden größeren und kleineren Kalksteinen zu bestehen, ein Schuttwall also, von kurzer Grasnarbe bedeckt, wie er sich heute dem Auge darbietet. Es war eine schwere Arbeit, den Schnitt zu vertiefen und die Unmasse von Steinen hinauszuschaffen. Dabei wollten die Wände immer nachrutschen, so daß kein rechtes Profil entstehen konnte, bis endlich in 1,5 Meter Tiefe vom Wallkamm aus mitten im Wall wohlgeschichtete Kalksteine zum Vorschein kamen, die einen Mauerkern von 3 Meter Dicke bildeten. Dr. Eidam stieß dabei auf Stellen, wo die horizontal liegenden größeren Randsteine in einer senkrecht nach abwärts ziehenden Linie schräg gegeneinander gesunken waren, so daß der Eindruck entstand, hier sei einst ein Holzpfahl gestanden, in dessen nach seiner Verwesung entstandenen Lücke dann die Steine von beiden Seiten hereingerutscht sind. Vom Holz war aber keine Spur mehr vorhanden.
Das war das erste Ergebnis der Grabungen: Mitten in dem Wall eine Mauer aus wohlgeschichteten Kalksteinen. Wer mir vorgeschichtlichen Befestigungsbauten nicht vertraut ist und nur an mittelalterliche Wallanlagen denkt, der wird hier die Frage stellen: Wie kommt diese Mauer in den Wall? Welchen Zweck sollte sie dort erfüllen? Beim Anblick der niedrigen Ringwallreste auf dem oberen Plateau der Gelben Bürg, die heute nur noch teilweise erhalten sind, dem Besucher aber noch auffallen müssen, könnte leicht der Eindruck entstehen, diese Wälle seien ursprünglich. In längst vergangenen Jahrhunderten hätten auf dieser Höhe die Menschen durch künstliche Erd- oder Steinwälle eine großartige Wehranlage geschaffen, noch gewaltiger als die mittelalterlichen Erdwälle der Höhen- und Wasserburgen, die aus dem Aushub des davorliegenden Grabens aufgeworfen wurden. Im Laufe der Jahrhunderte aber habe der Regen nach und nach die Erde der einst viel höheren Wälle abgeschwemmt bis auf die heutigen Reste. Die Ausgrabungen Dr. Eidams haben jedoch klar ergeben, daß diese Wälle nicht ursprünglich sein können. Die zwischen den bunt durcheinander liegenden Schuttmassen wohlgeschichteten Kalksteine verraten vielmehr, daß zu der Zeit, da diese Befestigungen errichtet wurden, kein Wall, sondern eine 3 Meter starke Trockenmauer um die obere Terrasse lief und den Zugang zum Plateau des Berges sperrte. Durch Grabungen an anderen Ringwällen ist man zu der Erkenntnis gelangt, daß der vorgeschichtliche Mensch bei seinen Wehrbauten eigentliche Erdwälle nur selten verwendete. Da, wo heute im Gelände ein niedriger Wall erscheint, stand ursprünglich eine Mauer (4). So war es auch auf der Gelben Bürg. Da bis zum Auftreten der Römer in unserer Heimat ein Bindemittel in der Form von Kalkmörtel unbenannt blieb, errichtete man zur Sicherung gegen einen feindlichen Angriff eine Trockenmauer, indem man das heimische Material, die Kalksteine, wie sie aus dem Erdboden gebrochen wurden, zu einer 3 Meter starken und ziemlich hohen Mauer aufschichtete. Durch diese Mauer gewannen die Verteidiger gegenüber dem Vorgelände eine westlich überhöhte Position, zumal die Annäherung an das Obere Plateau durch Steilhänge erschwert war. Eine derartige ohne jegliche Bindemittel versehene Trockenmauer leistet natürlich den Einflüssen der Witterung und dem Zerfall wenig Widerstand. So stürzten nach dem Verlassen der Festung durch ihre Verteidiger oder Erbauer die oberen Teile der Mauer nach beiden Seiten herab und lagerten sich rechts und links als Schutt ab. Die eigentliche Mauer wurde immer niedriger, die umgebenden Versturzmassen dagegen wuchsen an ihren Seiten hoch und betteten den Unterbau der Mauer in einen Mantel von bunt durcheinanderliegenden Steinen ein, so daß die verstürzte Befestigungsanlage die Form eines Walles erhielt, wie er sich heute nach einem Jahrtausend selbst dem ungeschulten Auge darbietet und in Bruchstücken um die obere Terrasse zieht. In seinem Innern birgt dieser Wall also noch einen Mauerkern. Auf der Hangseite mag beim Einsturz und Zerfall der Mauer ein großer Teil der ursprünglichen Steinpackung den Steilhang hinuntergerollt sein. Er liegt heute auf der Ornatentonverebnung von kurzer Grasnarbe überwuchert. Da der Werkkalk selbst leicht zerfriert und in scharfkantigen Scherben verwittert, so mag dadurch der Zerfall der Mauer beschleunigt worden sein.
Mußte man beim Bau dieser Trockenmauer auf ein geeignetes Bindemittel in Form von Kalkmörtel verzichten, das die einzelnen Steine fest aneinander gekettet hätte, so stand aber in Holz auch damals schon ein Mittel zur Verfügung, der lockeren Steinpackung einen besseren Halt zu verleihen. Hier haben die Grabungen Dr. Eidams auf der Gelben Bürg bestätigt, was auch anderwärts bei vorzeitlichen Befestigungen an Erkenntnissen gewonnen wurde: Die Trockenmauer war durch ein Holzgerüst aus senkrecht und waagrecht liegenden Pfosten versteift. Diese konnten entweder als Rundhölzer oder vierkantig behauene Balken Verwendung finden. Man muß sich also an der außen- und Innenseite der Trockenmauer einen Kranz von senkrechten Pfosten vorstellen, die durch Längs- und Querhölzer miteinander verbunden waren und das Gerüst für die gewaltige Steinpackung lieferten. Die äußeren Pfosten werden wohl etwas höher und stärker als die inneren gewesen sein, so daß oben eine Art Wehrgang oder Brustwehr entstand, die das Herabwerfen von Steinen auf die Angreifer und damit die Verteidigung der Mauer erleichterte. Da jedoch Holz als Baustoff in freier Natur nur eine begrenzte Haltbarkeit aufweist und zu verwesen beginnt, wenn es ständig der feuchten Luft und dem Regen ausgesetzt ist, mußte die Trockenmauer allmählich zu verfallen beginnen, als die Holzversteifung die Steinpackung nicht mehr zusammenzuhalten vermochte. Die Holzeinlagen ließen sich in der Trockenmauer auf der Gelben Bürg nicht mehr erkennen, wohl aber die Aussparungen und Hohlräume, in denen einst die Pfosten standen. Bei mancher vorgeschichtlichen Trockenmauer wurde so viel Holz verwendet, daß diese sogar in Brand geraten konnten, eine Erscheinung, die vor allem dem Angreifer sehr zustatten kam, denn derartige Befestigungsanlagen konnten demnach mit Feuer bezwungen werden. Doch braucht das Auftreten von verkohlten Balkenresten in vorgeschichtlichen Ringwällen nicht in jedem Fall an Feindeinwirkung erinnern, denn das ausgetrocknete Holz konnte durch Blitzschläge ebenso zur Entzündung gebracht werden. Durch das Verbrennen dieser Mauern wurde oft eine gewaltige Hitze erzeugt, die auf das umgebende Gestein einwirkte, so daß dieses in Fluß geraten konnte und den Vorgeschichtsforscher zu rätselhaften Vermutungen veranlaßte, wovon im folgenden noch näher die Rede sein wird.
Eine derartige, holzversteifte Trockenmauer, wie sie Dr. Eidam auf der Gelben Bürg freigelegt hat, pflegt man in der Vorgeschichte als gallisches Mauerwerk (murus gallicus) zu bezeichnen, weil Cäsar sie zuerst bei den Galliern beschrieben hat (5). Damit ergibt sich nun auch ein Anlaß die Frage zu stellen, welche Völker oder Volksstämme diese jüngere Befestigungsbauten auf der Gelben Bürg errichtet haben. Das Auftreten derartiger Trockenmauern bei wiederholten Grabungen hat wohl Paul Reinecke veranlaßt, die Gelbe Bürg einzugliedern in die Reihe der großen keltischen Befestigungswerke auf süddeutschem Boden (6). Doch gerade über diese spätkeltischen Oppida, wie sie in der Vorgeschichte genannt werden, bestehen "unsere Kenntnisse in Wahrheit zum größeren Teil noch auf reichlich theoretischen Erwägungen (7). Man ist sich zwar darüber einig, daß sie der letzten Phase der keltischen Zeit, also dem ersten Jahrhundert vor Chr., angehören, aber trotz mehrerer Grabungen ist das Gesamtbild über diese Anlagen doch noch recht lückenhaft. Geben die Einbeziehung der Befestigungsanlagen auf der Gelben Bürg in die Reihe der spätkeltischen Oppida wendet sich neuerdings auch Klaus Schwarz, wegen der "Spärlichkeit des Fundaufkommens". Es scheint, daß noch ein wesentliches Merkmal gegen die Einstufungen der holzversteiften jüngeren Trockenmauer auf der Bürg in die Reihe der spätkeltischen Wehrbauten spricht. Es fehlt bei dieser Trockenmauer nach dem Ausgrabungsbefund von Dr. Eidam der angeböschte Erddamm auf der Innenseite. Alle bisher untersuchten keltischen Befestigungen scheinen darin übereinzustimmen, daß einer aus Bruchstein aufgeschichteten Mauer oder einem steingefüllten Holzrahmwerk (murus gallicus) nach der Innenseite ein Erddamm angebaut war in Form einer Schrägrampe, die den Verteidigern ein bequemes, ungehindertes Zirkulieren und den raschen Aufstieg zur Mauer ermöglichte (8). Von einer derartigen Schrägrampe war aber nach dem Befund von Dr. Eidam keine Spur zu finden. Deshalb kann für den Bau der Trockenmauer auf der Gelben Bürg eine noch jüngere kaiserzeitliche oder frühgeschichtliche Epoche in Frage kommen.
Unter dieser jüngeren, wohl einer frühgeschichtlichen Zeitspanne angehörigen Steinmauer auf der Krone des Berges legte Dr. Eidam auf einer großen Strecke eine ältere Befestigung frei, die einer vorgeschichtlichen Welt angehört. Daß die Gelbe Bürg schon vor dem Einbruch der Römer befestigt war, bedeutet keine Überraschung, denn es liegt auf der Hand, daß eine derartige von Natur aus stark geschützte Höhe mitten in altbesiedeltem Land, den Menschen zu allen Zeiten zur Befestigung reizte. So ist es kein Wunder, wenn sich hier in einer älteren Wehranlage jüngere häuslich eingerichtet haben. Dr. Eidam, der stellenweise den Ringwall der oberen Terrasse in einer Länge von 30 Metern und einer Breite von 4 Metern freilegte, und an zahlreichen anderen Abschnitten den Rand der Terrasse untersuchte, entdeckte hier eine ältere, vielleicht der Urnenfelderzeit (etwa um 1000 v. Chr.) angehörende Wehrmauer. Von ihr war natürlich nur noch das Fundament vorhanden. Nach Dr. Eidam war diese ältere Befestigung, die er der älteren Hallstattzeit zurechnete, ein reiner Holzbau. Zu dieser Vermutung gaben ihm die vielen Holzreste Anlaß, die dort in dichtem Abstand voneinander freigelegt wurden. Diese ältere Befestigungsanlage auf dem Berggipfel wurde zu einem interessanten prähistorischen Problem, das zur Zeit der Ausgrabungen die Wissenschaftler bewegte und zu einem heftigen Meinungsaustausch veranlaßte (9). Dr. Eidam nahm auf Grund des im Fundament dieser älteren Wehrmauer sehr zahlreich aufgetretenen "Kalkgusses" an, die Siedler der frühen Hallstattzeit (wohl Urnenfelderzeit) hätten auf der Gipfelebene eigens ein künstliches Fundament aus Balken und Steinen rund um den Berggipfel errichtet und mit flüssigem Kalk zu einem widerstandsfähigen Sockel zusammengegossen, der dann die Befestigung tragen sollte. Dr. Eidam ging dabei von der Annahme aus, die Erbauer jener älteren Befestigung auf dem Gipfel hätten das Bestreben gehabt, die Wehranlage möglichst nahe an den Steilhang heranzurücken. Die Doppelreihe der senkrechten Pfähle, die durch die Kalkgußterrasse hindurch noch in die mauerartige Schicht des Werkkalks eingelassen waren und dadurch das Abrutschen verhindern sollten, bildeten nach Dr. Eidam die Grundlage einer sehr widerstandsfähigen und wirksamen Verteidigungsanlage. Diese "Kalkgussterrasse" rings um den Berg mußte bei den Grabungen als Tatsache anerkannt werden. Umstritten blieb freilich ihre Entstehung. Während Dr. Eidam hier die kühne Meinung vertrat und an ihr festhielt, die Terrasse sei künstlich geschaffen 810), wurde die Anschauung von den Prähistorikern Dr. Thomas, Frankfurt, Dr. Hock, Würzburg und Dr. Hertlein, Heidenheim a. d. Brenz, die bei den Grabungen im Jahre 1908 auf der Gelben Bürg anwesend Waren, verworfen und die Entstehung des Kalkgusses auf natürliche Weise erklärt. Sie vermuteten, daß die durch starke Holzmassen versteifte Trockenmauer aus Kalksteinen durch irgendeine Ursache, wohl durch Blitzschlag , in Brand geraten sei. Durch die ungeheure Hitze der brennenden und glühenden Balken auf der Innen- und Außenseite der Wehrmauer wären die Werkkalksteine zu Kalk gebrannt worden, den dann niederrauschende Regengüsse gelöscht hätten. Der flüssige Kalk wäre dann unter der Mauer hangwärts geflossen und hätte so die Kalkgußterrasse mit den eingebetteten Balkenresten ergeben. Die von den Leuten der Urnenfelderzeit raffiniert geschaffene künstliche Kalkgußterrasse sei nichts anderes, als eine natürliche Erscheinung. Dr. Eidam beharrte jedoch auf seinem Standpunkt und trug auf dem Anthropologenkongreß im Jahre 1912 in Weimar das Problem des Kalkgusses auf der Gelben Bürg noch mal vor. Professor Dr. Goeßler, Stuttgart, äußerte allerdings ebenfalls starke Zweifel an dieser künstlichen Terrasse und warf die Frage auf, warum man denn nicht, nachdem einmal diese ausgezeichnete Konstruktion erfunden war, alle Hallstattwälle, soweit sie im Schwäbischen Jura liegen, in dieser Weise angelegt habe. Auch er erklärte den Kalkguß der Gelben Bürg als Folge der Zerstörung dieser vorzeitlichen Befestigung durch Feuer. Trotz dieser Widersprüche ließ sich Dr. Eidam von seiner Meinung, die Kalkgußterrasse sei vor der Errichtung der älteren Wehranlage durch die Hallstattleute künstlich errichtet worden, nicht abbringen. Er wies darauf hin, daß gerade die vorgeschichtlichen Bewohner des Jura zu der Erkenntnis des Kalkgusses (Kalkmörtels) hätten kommen müssen, da sie doch sicher öfters in ihren Kochlöchern die Erfahrung machen konnten, daß die Kalksteine sich im Regen unter Wärmeentwicklung aufblähten und zu Brei zerschmolzen, der nachher fest wurde (11). Sein Bestreben galt daher bei seinen Grabungen, einen Anhaltspunkt zu gewinnen, wie und wo jene Hallstattmenschen den Kalk gebrannt hätten. Er glaubte eine Stelle gefunden zu haben. In der Nähe des Walles wurde eine flache Mulde von ungefähr drei Meter Durchmesser mit einem eigentümlichen Bodenbelag entdeckt, dessen Stücke, einen harten Guß bildend, im Bruch drei Schichten zeigten. Dr. Eidam vermutete, die Erbauer jener alten Wehranlage hätten zum Brennen des Kalkes eine Mulde oder flache Grube ausgehoben, diese mit Reisig und Brennmaterial gefüllt, die zu brennenden Kalksteine darüber geschichtet, dann das Holz angezündet, dieses in vollster Glut dann mit lehmiger Erde und Rasen zugeworfen, bis auf einige Luftlöcher, die zuletzt noch geschlossen wurden. Die Hitze der Glut hätte so mehrere Tage angehalten und die Steine gebrannt. Dann hätten die Hallstattleute nach Wegräumen der Deckschicht die gebrannten Kalksteine mit Wasser gelöscht und den gelöschten Kalk in großen dicken Tongefäßen von der Brennstelle zu den Längs- und Querbalken gebracht und eingegossen. So sei eine feste Masse aus Holz und Kalkguß entstanden, die in der Lage war, die Befestigung vor dem Abgleiten an dem Steilhang zu sichern. Daß der Kalkguß ein hervorragendes Bindemittel war, konnte Dr. Eidam nachweisen, denn beim Zerschlagen dieser Masse mit dem Hammer sprangen eher die Kalksteine auseinander, als daß sich ein Stück vom Kalkguß löste. Der Forscher wollte auch Scherben von starken Tongefäßen gefunden haben, mit denen der flüssige Kalk von der Brennstelle zur Gußterrasse gebracht wurde. Eine merkwürdige Erscheinung bei der Aufdeckung dieser Kalkgußterrasse war die Tatsache, daß die Pfosten in ihrer Holzstruktur alle sehr gut erhalten waren. Es fanden durchweg nur Eichenpfosten Verwendung. Ob das Absicht war und die Hallstattleute bei der Auswahl der Holzart schon an die lange Haltbarkeit des Eichenholzes dachten oder ob die Eiche dazumal wegen ihrer weiten Verbreitung im Altmühltal und Hahnenkamm bevorzugt wurde, bleibt unbekannt. Während in der jüngeren Kalksteinmauer aus frühgeschichtlicher Zeit so gut wie keine Holzreste mehr erhalten blieben, kamen in der Kalkgußterrasse noch sehr gut erkennbare Pfostenteile zum Vorschein. Dr. Eidam vermutete sogar, die Erbauer jener älteren Wehranlage hätten diese Holzpfosten zum Zwecke der längeren Haltbarkeit mit Kalkwasser getränkt.
So wurde durch die Spatenarbeit Dr. Eidams auf der Gelben Bürg eine bedeutende prähistorische Frage gestellt: Beherrschten die Leute der frühen Hallstattzeit schon die Kunst des Bauens mit Kalkmörtel oder wurde diese erst durch die Römer in unsere Heimat gebracht? Dr. Eidam glaubte auf Grund seiner Beobachtungen auf der Bürg diese Frage bejahen zu müssen. Er führte in seinem Bericht über die Ausgrabungen an, daß auch auf anderen Jurabergen bei der Anlage derartiger Befestigungen mit Kalkguß gearbeitet wurde, so auf dem Hesselberg, dem Ipf, auf der Heuneburg bei Upflamöhr und auf der Engelsburg bei Rothenburg (12). Der Forscher hielt es nicht für ausgeschlossen, daß ein Gegenstück zur Gelben Bürg noch gefunden wird, wenn auch bis jetzt ein Wehrbau mit Kalk und Pfählen in der Vollkommenheit wie auf der Gelben Bürg noch nicht entdeckt werden konnte. Er wunderte sich aber selbst darüber, daß die von den Siedlern der frühen Hallstattzeit erworbene Kunst des Kalkgießens nicht auch wieder bei den nachfolgenden Leuten der jüngeren Hallstattzeit und bei den Kelten Verwendung fand. Sollte die einst so großartig angewendete Kunst bei den Kelten verlorengegangen sein oder ist am Ende die ganze Kalkgußterrasse ein Trugbild und eine gewaltige Brandkatastrophe die Ursache dieser merkwürdigen Erscheinung? So bleibt trotz der umfangreichen Grabungen der Stand unseres Wissens über die Vorgeschichte der Gelben Bürg ein recht zweifelhafter. Ein genaues Bild über diese befestigte Höhensiedlung könnten erst moderne Grabungen ergeben, die auch beschränkte Teile der Innenfläche aufdecken müßten. Aber selbst dann würden wohl nicht alle Fragen beantwortet und noch viele Probleme ungelöst bleiben. Jedenfalls ist das einheitliche Bild eines spätkeltischen Oppidums auf der Gelben Bürg gebrochen worden. Die neuere Forschung zweifelt daran und nimmt mehrere Bauphasen an. Für die ältere Befestigung auf dem Gipfel käme die Urnengräberzeit in Frage, die unteren Wälle seien ein Werk der Späthallstattzeit. Für die jüngere Trockenmauer "bliebe angesichts der Fülle spätkaiserzeitlicher und merowingischer Funde immerhin mit der Möglichkeit zu rechnen, daß auch damals ein befestigter Ausbau des Berges erfolgte" (13). Genauen Aufschluß können aber erst exakte moderne Grabungen ergeben.

 
 
 
 
 
 2 Über Dr. Eidams Leben und Werk siehe Alt - Gunzenhausen (künftig A.G.), Heft 11, S. 1-39, mit einem Verzeichnis seiner Schriften.
3 A.G. Heft 7, S. 1-17, mit Skizzen und l Lageplan. Weitere Berichte über Grabungen im G.H.B., Bd. II, S. 29/30 und Bd. III, S. 31/32
4 Paul Reinecke, Befestigungen der Vorzeit in Süddeutschland in Bay.Vorgeschichtsfreund, Heft 8, S. 13-23
5 Ebenda S. 17 und Paul , Spätkeltische Oppida im rechtsrheinischen Bay. Vorgeschichtsfreund , Heft 9, S 29
6 Bay. Vorgeschichtsfreund, Heft 9, S. 50
7 Kurt Bittel, Das keltische Oppidum bei Finsterlohr in Württ. Franken Neue Folge 24/25, S. 69
8 Ebenda S. 76/77
9 Darüber A.G. Heft 7, S. 4-16
10 G.H.B. Bd. IV 1932, Nr. 8, S. 31
11 11 A.G. Heft 7, S. 12
12 A.G. Heft 7, S. 15/16
13 Klaus Schwarz, Führer zu Bayer. Vorgeschichts- Exkursionen, Bd. I, Kallmünz 1962. S. 62/63
 
 
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