Der Raum Gunzenhausen im Kräftespiel territorialer Bestrebungen im 12. und 13. Jahrhundert 
 
 Die Grafen von Grögling-Hirschberg als Konkurrenten der Truhendinger 
 
 

Von Südosten her näherten sich im 12. und 13. Jahrhundert bedrohlich die mächtigen Grafen von Hirschberg (bei Beilngries) dem von den Truhendingern beherrschten Raum um Gunzenhausen. Ihre frühe Geschichte hat Pankraz Fried in einem Aufsatz dargelegt (22). Sie waren seit langer Zeit (schon vor 1080) Vögte der Eichstätter Kirche, nannten sich zuerst nach Grögling (alte Form Chregelingen) bei Beilngries, zeitweilig auch nach Dollnstein im Altmühltal und ab etwa 1200 nach Hirschberg. Ihr umfangreicher Besitz ostwärts von Gunzenhausen im 13. Jahrhundert wird im Jahre 1302 offenbar, als der letzte Graf Gebhard in vielen Orten unter andern auch die Burg Sandesehr (Sandsee), Besitzungen in Mistelbach (Mischelbach bei Pleinfeld) in Mühlstetten, Pleinfeld, Stirn, Allmannsdorf, Breitenlohe, Erlingsdorf (bei Stirn); dazu verschiedene Wälder in dieser Gegend an den Bischof von Eichstätt verkauft. Uns interessieren hier nur die in der Urkunde genannten, unserem Gunzenhausen nächstgelegenen Orte, in denen die Grafen von Hirschberg begütert, mit Vogteirechten und Kirchenpatrozinien ausgestattet waren. Vom Verkauf waren ausgenommen: das Patronatsrecht an der Pfarrkirche zu Dornhausen und Aha, alle Leute ritterlichen Standes und ein Wald beim Dorfe Pfofeld, Jungholz genannt (23). Im Jahre 1303 verkaufte Graf Gebhard von Hirschberg auch die Güter, die sein Getreuer Heinrich von Muhr im Dorfe Pfofeld von ihm besaß, mitsamt dem Wald und Berg, Walchersberg (24) dem Bischof Konrad von Eichstätt (25). Doch die Hirschberger scheinen im 13. Jahrhundert mit ihren territorialen Bestrebungen noch näher an den von den Truhendingern beherrschten Raum um Gunzenhausen herangerückt zu sein. Davon gibt eine Urkunde aus dem Jahre 1222 Zeugnis. Sie hat folgenden Inhalt: Nach dem Tode Konrads, des Dekans und Pfarrers von Aha präsentierte die Gräfin Agnes in Dollnstein (später v. Hirschberg), der das Patronatsrecht über die Kirche in Aha zustand, dem Bischof Hartwig von Eichstätt den Priester Ulrich von Dornhausen, der zugleich Kanoniker im Stift Herriden war. Nach dessen Investitur durch den Bischof beanspruchte auf einmal der Ritter Burchard von Immeldorf (bei Lichtenau) das Patronatsrecht über die Kapelle zu Pflaumfeld, einer Filiale von Aha, und präsentierte auf diese einen Geistlichen namens Friedrich. Die Folge war die Eröffnung eines Rechtsstreites vor dem Bischof wegen des Filialcharakters der Kapelle in Pflaumfeld zwischen Friedrich, dem Kandidaten für Pflaumfeld und Ulrich, dem Pfarrer von Aha. Dabei mussten verschiedene Zeugen zur Aussage aufgerufen werden: der Priester Friedrich, Scholastikus im Stift Herrieden, der Dekan Rudiger in Urtiheim (Auernheim oder Ursheim?), der Ritter Heinrich der Ältere von Asbach, der Ritter Bertiger von Pfofeld, der Priester Konrad von Sammenheim, Konrad der Zöllner und Konrad der Steinmetz von Heidenheim. Sie alle sagten aus, dass die Kapelle von Pflaumfeld zur Mutterkirche nach Aha gehöre. Aufgrund dieser Zeugenaussagen wurde die Filialkirche in Pflaumfeld für ewige Zeiten der Mutterkirche in Aha zugesprochen (26). Was ist aus diesem Streit um das Verhältnis der Kapelle in Pflaumfeld zur Mutterkirche in Aha für unsere Frage, warum Gunzenhausen Stadt wurde, zu entnehmen? Die Hirschberger waren in ihren territorialen Bestrebungen den Edlen von Truhendingen im 13. Jahrhundert im Raum Gunzenhausen bedenklich nahe gerückt: Sie hatten das Patronatsrecht in Dornhausen und Pfofeld (verliehen an ihren Dienstmann Heinrich von Muhr). Sie hatten in einem der beiden Asbach (Ober- und Unterasbach) den Ritter Heinrich und in Pfofeld den Ritter Bertiger sitzen, die beide miteinander verwandt waren. Sie hatten als Hirschberger Dienstmannen die Ansprüche der Grafen von Hirschberg im Raum Pfofeld-Asbach zu vertreten. Die Ministerialen waren die Träger territorialen Bewusstseins. Die Anwesenheit der Hirschberger Grafen als Konkurrenten der Truhendinger in unmittelbarer Nähe unseres Altmühlortes dürfte schon in das 12. Jahrhundert zurückgehen. Nach dem Historischen Ortsnamenbuch von Bayern, Altlandkreis Gunzenhausen, von Dr. Robert Schuh übergab in den Jahren zwischen 1145 - 1149 ein gewisser Gerhard, Vogt des Klosters Plankstetten (bei Berching) an dessen Marienaltar ein Gut "apud Guntzenhausen" (27): Wo lag dieses Gut? Darüber lässt sich nur rätseln. Übersetzt man das lateinische Verhältniswort apud mit "bei", so wird man das Gut in der Nähe von Gunzenhausen suchen. Bedenkt man aber, dass apud in hochmittelalterlichen Urkunden auch "in" oder "zu" bedeuten kann (28), so muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass das von dem Hirschberger Gerhard an das Kloster Plankstetten geschenkte Gut auch innerhalb der Siedlung Gunzenhausen lag, die ja dazumal noch nicht zur Stadt erhoben war. Jedenfalls kann man dieser Schenkung des Gerhard an das Kloster Plankstetten entnehmen, dass die Hirschberger Besitzungen im 12. Jahrhundert schon bis dicht an die Altmühlsiedlung Gunzenhausen reichten.


 
 
(22)Pankraz Fried, Zur Herkunft der Grafen v. Hirschberg in Ztschr. für bayer. Landesgeschichte Bd. 38 Heft ½ S. 82- 98.
(23)Heidingsfelder RBE Nr. 1251
(24)Der Walchersberg lebt heute noch in dem kuriosen Flurnamen Walchenseewerk, Walchenseeweg fort. Es handelt sich um einen Weiher mit einem unregelmäßigen Wasserstand, in trockenen Sommern ganz wasserleer. Pl. Nr. 186a Pfofelder Gemarkung.
(25)Heidingsfelder RBE Nr. 1261.
(26)Heidingsfelder RBE Nr. 597.
(27)Robert Schuh HOB Gunzenhausen Nr. 104 S. 115.
(28)Die Frage, ob das lat. Verhältniswort apud in mittelalterlichen Urkunden mit "bei" oder mit "in" zu übersetzen sei, führte bei der Feststellung der Lage des Königshofes in Nürnberg zu einer scharfen Auseinandersetzung im Jahre 1930 zwischen dem Historiker Wilhelm Kraft und Reinhold Schaffer (Fränkische Monatshefte 1930, Nürnberg S. 60/61 u. 173- 178).
 
 
Fortsetzung