Der Raum Gunzenhausen im Kräftespiel territorialer Bestrebungen im 12. und 13. Jahrhundert 
 
 Hauptanliegen der Stadtgründung: Durchsetzung territorialer Herrschaft 
 
 

Entstehung und Ausbau der Stadt Gunzenhausen entsprangen auf keinen Fall einem eigenen Antrieb der Ortsbewohner. Von einem Interesse der "Bürgerschaft" kann keine Rede sein. Der entscheidende Anstoß dazu musste von dem Herrschaftsträger an der Altmühlfurt ausgegangen sein und das waren seit dem 12. Jahrhundert die Edlen von Truhendingen (zuerst Alten-, dann Hohentrüdingen). Der Grund und Boden in Gunzenhausen gehörte zwar dem Kloster Ellwangen als Lehensherrn, aber dieser verfügte über keine politische Macht. Er musste zusehen, wie sein Lehensträger, die Edlen von Truhendingen, als weltliche Schutzherrn über das Klostergut ihren Willen durchsetzten. Solche Stadtgründungen auf Lehen- oder Vogteigrund waren in der Zeit der Stadtgründungswelle zwischen 1220 und 1330 außerordentlich häufig. Das Fernziel der Edlen von Truhendingen, das sie mit der Stadtgründung Gunzenhausen verfolgten, bestand in einem defensiven und in einem offensiven Vorgehen. Der defensive Gedanke war: Erhaltung der in und um Gunzenhausen gelegenen Machtpositionen, fußend auf ellwangischem Lehensgut und sie gegen eventuelle Gelüste anderer Landesherren, deren territoriale Interessen auch in das Altmühltal drängten, zu verteidigen. Die offensive Zielsetzung der Stadtgründung Gunzenhausen mag wohl in der Rodung und dem Landesausbau der großen Waldungen ostwärts und nördlich davon gelegen haben (13). Gunzenhausen und die übrigen ellwangischen Lehen in Unterwurmbach, Oberasbach, Unterasbach, Obenbrunn und Schlungenhof lagen im 13. Jahrhundert am nördlichen Rande der Truhendinger Adelsherrschaft, deren südlichen Stützpunkt die Burg Hohentrüdingen mit der Vogtei über viele Besitzungen des Klosters Heidenheim bildete. Aber diese Adelsherrschaft war im 12. und 13. Jahrhundert noch lange kein flächengreifendes Gebilde, sondern sollte dazu erst ausgebaut werden. Ein truhendingisches Territorium sollte entstehen. Nur so konnte eine Adelsherrschaft auf die Dauer überleben. Dieses Fernziel haben die Truhendinger nie erreicht, aber sie haben es sich, wie andere ihrer adeligen Standesgenossen, notgedrungen ins Auge fassen müssen. Von diesem Bemühen, ihre zerstreute Vogteiherrschaft über ellwangischen Grund und Boden im Raum Gunzenhausen zu konzentrieren und durch Rodung neue Machtpositionen zu gewinnen und zu einer Flächenherrschaft zu verdichten, berichten die Urkunden oft nur spärlich, aber aus dem Flurnamenbild um Gunzenhausen lässt sich dieses Bestreben erkennen (14). Die Herrschaft der Edlen von Truhendingen im Raum Gunzenhausen setzte sich bei der Stadtgründung um 1250 aus verschiedenen Elementen zusammen. Das Altsiedelland unmittelbar an der Altmühlaue, das schon bei der Klostergründung im 8. Jahrhundert erschlossen war, ging von Ellwangen zu Lehen. Darauf wurde die Stadt mit einer zunächst verhältnismäßig kleinen Gemarkung errichtet. Die Stadt erscheint später als Ganzes in den Lehenbüchern des Ellwanger Klosters und wird in Einzelteilen nicht aufgeschlüsselt. Als Lehen galt auch die Burg, das Haus, das auf Ellwanger Grund an der Altmühl errichtet wurde. Die zur Burg gehörigen Lehenstücke, meist gegen Wurmbach und Schlungenhof gelegen, waren von Ellwangen im 14. Jahrhundert an Gunzenhäuser Bürger ausgegeben und erscheinen in den ältesten Lehenbüchern (15). Der Burgstall mit seinem Zubehör wird in den Lehenbüchern des 14. Jahrhunderts nicht erwähnt. Warum? Diese Flurteile der späteren Großgemarkung Gunzenhausen wurden von den Edlen von Truhendingen erst gerodet. Die schwere Rodungsarbeit aber berechtigte zum Eigentum. Das Kloster Ellwangen konnte den Burgstall, den Neuseß und den Reutberg nicht mehr als sein Eigengut betrachten, weil er von den unfreien Leuten der Truhendinger gerodet wurde. Die Mischung aus Eigentum und Lehen kommt noch in der Urkunde vom 23. Juli 1368 zum Ausdruck, nach der Wilhelm von Seckendorff die Stadt Gunzenhausen an den Burggrafen Friedrich zu Nürnberg verkauft. Hier wird deutlich unterschieden: Haus und Stadt Gunzenhausen ... und mit Namen das Holz, genannt das Burgstall ... und mit Namen den Hof, genannt der Reutberg (16). Die Besitzstücke haben also verschiedene rechtliche Herkunft.
Diese Herrschaftselemente alle zu bündeln und gegen die territorialen Gelüste anderer zu verteidigen, schritten die Edlen von Truhendingen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Gründung der Stadt Gunzenhausen. Verteidigunspolitische Erwägungen bildeten das primäre Element bei der Stadtgründung Gunzenhausen. Faktoren des sich allmählich steigernden Fernverkehrs und der damit anfallenden Zolleinahmen spielten dabei zwar auch eine Rolle, aber sie standen nicht an vorderster Stelle beim Ausbau der Siedlung Gunzenhausen zur Stadt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatte sich in der Erstellung von Wehrbauten die Erkenntnis durchgesetzt, dass Städte leichter zu verteidigen waren als Burgen. Daher folgte die hochmittelalterliche Stadtmauer mit wenigen Toren und Türmen dem Vorbild des Burgenbauens. Seit dem 13. Jahrhundert zog eine Welle von Stadtgründungen durch das Land und die meisten dieser Kleinstädte trugen den Stempel der Territorialpolitik, gleichgültig ob es sich um Gründungen auf Königsgut (Nördlingen, Dinkelsbühl, Rothenburg) oder auf Lehen der Kirche (Gunzenhausen, Wassertrüdingen) oder auf Eigengut der Territorialherrn handelte. Die Stadtgründung Gunzenhausen gehört in die Reihe dieser Bestrebungen, am Rand eines werdenden Territoriums als Bollwerk zu wirken. Von ihr sollten Machtströme in das Umland ausstrahlen, um dort die mit Grundbesitz oder Vogteirechten schon eingewurzelten adeligen Konkurrenten in Schach zu halten. Freilich war die Gründung einer befestigten Stadt in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts noch ein riskantes Unternehmen, denn eigentlich stand das Befestigungsrecht nur dem König zu, der es an die Fürsten und Herren verleihen konnte. Doch durch die Wirren des vorangehenden Investiturstreites erwachte das Selbstbewußtsein der einzelnen Adelsgeschlechter, so dass sie oft eigenmächtig auf ihrem Grund und Boden Burgen und später Städte gründeten. Bei zahlreichen Gründungen von Kleinstädten des 13. Jahrhunderts liegen keine Stadtrechtsverleihungs-Urkunden vor. Auch für Gunzenhausen werden wir eine solche vergeblich suchen. Trotzdem konnte es zu Konflikten kommen, wenn ein weltlicher Herr auf kirchlichem Grund und Boden eine Burg oder eine Stadt errichten wollte und der geistliche Grundherr dort selbst geneigt war, ein derartiges Unternehmen in Gang zu setzen. Eine solche Konfliktsituation begegnet uns in der Gunzenhausen benachbarten Stadt Ornbau. Dort hatte Graf Ludwig der Jüngere von Oettingen auf dem Boden der Eichstätter Kirche nach 1286 eine Befestigung errichtet, so dass die Bauern nicht mehr ein- und ausfahren konnten. Der Bischof Reinboto von Eichstätt (1279-1297) reichte bei König Rudolf von Habsburg Beschwerde ein. Auf seinen Entscheid hin musste der Graf von Oettingen die Mauern niederlegen und beseitigen lassen (17). Ob sich auch in Gunzenhausen von seiten des Ellwanger Abtes Widerspruch regte, als der Graf Friedrich IV. von Truhendingen um 1250 auf dessen Grund und Boden eine Stadt errichtete, ist nicht bekannt. Der Truhendinger nutzte wohl wie viele seiner Standesgenossen die günstige Zeitspanne des Niederganges der Königsherrschaft unter den letzten Staufern, die man als Interregnum bezeichnet.


 
 
(13)AG Heft 38 S. 17- 68.
(14)Wie Anmerkung 13 S. 17- 39
(15)AG Heft 34.
(16)Monumenta Zollerana CXL s. 165.
(17)Heidingsfelder RBE Nr. 944.
 
 
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