Der Raum Gunzenhausen im Kräftespiel territorialer Bestrebungen im 12. und 13. Jahrhundert 
 
 Sankt Gangolf, der Kirchenheilige von Windsfeld 
 
 

Die Sitte, ein Gotteshaus einem Heiligen zu weihen, reicht bis in das christliche Altertum zurück. Unsere Kirchen im Altmühltal und Hahnenkamm waren größtenteils grundherrliche Eigenkirchen. Was versteht man darunter? Ein Adeliger, der Herrschaft über Land und Leute ausübte, stellte einst den Grund und Boden für die Kirchengebäude zur Verfügung, sorgte durch Stiftung eines Wiedemhofes für den standesgemäßen Unterhalt eines Geistlichen und traf durch Schenkung von Äckern und Wiesen Vorsorge für die Erhaltung der Kirchengebäude und Lichter. Die Gründung einer Pfarrei war aber nicht nur eine fromme Tat für das Heil der Seelen, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen größeren Ausmaßes, das nur ein Adeliger bewerkstelligen konnte. Dafür behielt sich der hohe Herr die volle Verfügungsgewalt über seine Kirche vor. Er konnte den Pfarrer präsentieren, die Kirche vertauschen, verkaufen oder als Lehen ausgeben. Niemand konnte ihn daran hindern. Man spricht in der Kirchengeschichte hier vom Eigenkirchenrecht. Der hohe Herr Kirchenpatron bestimmte dann auch nach seinem Empfinden und Neigungen den ideellen (geistlichen) Schutzherrn, dem er sich persönlich verbunden fühlte und dem dann die Kirche geweiht wurde. Aus dem Kirchenheiligen, der oft Jahrhunderte lang der gleiche blieb, bisweilen aber auch gewechselt wurde, lässt sich dann in gewissen Fällen ein Schluss ziehen auf die religiösen Beziehungen der Gründerfamilie zu bestimmten Kirchen und Klöstern oder zu bedeutenden Heiligen. Die Pfarrkirche in Windsfeld ist dem heiligen Gangolf geweiht. Wer war dieser Mann? Der um 900 erstmals aufgezeichneten Lebensbeschreibung zufolge war Gangolf ein reichbegüterter Adeliger aus der Gegend von Langres in Lothringen. Er diente dem Frankenkönig Pippin (732-768), dem Vater Karls des Großen, als Ratgeber und Heerführer. Die Kirche unterstützte er durch Stiftung von mehreren Klöstern auf seinen Gütern. Als Gangolf vom Hofdienst beim Frankenkönig heimkehrte, war ihm seine Gemahlin untreu geworden. Gangolf entließ sie aus der Ehe, nicht ohne für ihren standesgemäßen Unterhalt zu sorgen, und floh selbst in die Einsamkeit, wurde aber von dem Ehebrecher, dem Buhlen seiner Frau, heimtückisch ermordet. Sein Grab fand er in dem von ihm gestifteten Kloster Varennes in dem Bistum Langres. Schon im 9. Jahrhundert wurde Gangolf als Märtyrer verehrt. Soweit die Legende (58).
Es erhebt sich nun die Frage: Wie kam im Mittelalter die Verehrung des heiligen Gangolf aus dem fernen Lothringen nach Windsfeld? Welch sonderbare Straßen ist der Kult des Heiligen gewandert, um nach Windsfeld zu gelangen? Wir werden kaum fehlgehen, wenn wir unseren Blick nach Bamberg richten, wie es wohl der Patronatsherr von Windsfeld einst auch getan hat. In Bamberg hatte sich im 11. Jahrhundert ein Brennpunkt der Verehrung des heiligen Gangolf gebildet, vielleicht verursacht durch den Besuch Papst Leos IX. in Bamberg 1052 (59). Dieser Papst stammte aus dem Geschlecht der Grafen von Egolsheim im Oberelsass, lebte am Hof Kaiser Konrads II. (1024 - 1039), der ihm das Bistum Toul übertrug. 1048 wurde er durch Kaiser Heinrich III. (1039 - 1056) zum Papst bestimmt. Leo IX. war mit der Verehrung des heiligen Gangolf in seiner Heimat in Lothringen vertraut und konnte die Kraft seines Heiligen auch in Bamberg rühmen. Gangolf wurde zum Schutzherrn des Stiftes St. Gangolf in Theuerstadt, heute Ortsteil von Bamberg. Nach Windsfeld könnte die Verehrung des in unserer Heimat wenig bekannten Heiligen durch Angehörige des Geschlechtes der Edelfreien von Windsfeld gelangt sein, die möglicherweise als Geistliche in einem der Bamberger Klöster weilten. Im 12. Jahrhundert wird in Windsfeld ein Emehart, 1163 ein Pertoldus de Windesuelt (Windsfeld) genannt (60), die beide vielleicht Eigenkirchherrn in dem Ort waren und nach Bamberg Beziehungen unterhielten, so dass sie von dort mit dem Kult des heiligen Gangolf vertraut wurden und diesen zu ihrem Kirchpatron in Windsfeld wählten. Der Name Perthold war nach der Urkunde 1122 auch in der Familie der Edlen von Gnotzheim und Berolzheim gebräuchlich, so dass auch Verwandtschaft vermutet werden kann, die nach Bamberg Beziehungen hatte.


 
 
(58)Gerd Zimmermann, Sankt Gangolfs Weg von Lothringen nach Bamberg... im Jahrbuch f. fränk. Landesforschung 22, 1962 Neustadt/Aisch S. 443 - 461.
(59)Wie Anmerkung 58 S. 452- 454
(60)Robert Schuh, HOB Gunzenhausen Nr. 312.
 
 
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