Heidenheim von A - Z 
 
 Wunibalds Klostergründung in Heidenheim 
 
  Verehrung des heiligen Petrus
Im engen Zusammenhang mit der fränkischen Besetzung und politischen Erschließung des Landes um den Hahnenkamm steht auch die Klostergründung Wunibalds in Heidenheim. Wunibald war ein Verwandter des heiligen Bonifatius und entstammte einer adeligen angelsächsischen Familie. Was veranlasste nun den angelsächsischen Edelmann, ausgerechnet im fernen Hahnenkamm zusammen mit seinem Bruder Willibald, dem ersten Bischof von Eichstätt, ein Kloster zu gründen? Wie alle vornehmen Angelsachsen seiner Zeit war er ein glühender Verehrer des heiligen Petrus, des Apostelfürsten, der nach der Vorstellung der Germanen der vornehmste und mächtigste unter den Gefolgsleuten Christi war und das wichtigste Amt am Hofe des Himmelskönigs verwaltete. Er hatte die Schlüssel zum Himmelreich, er hütete die Pforte. Diese Vorstellung der Germanen von St. Peter, dem Torwart und Himmelspförtner, übte auf die neu bekehrten Angelsachsen einen mächtigen Zauber aus. Um ihm auch im Tode nahe und seines Schutzes sicher zu sein, ließen sich die Könige der Angelsachsen in seinen Kirchen bestatten. Nichts jedoch war für sie so erstrebenswert wie ein Besuch an der Stätte, wo er selbst begraben liegt. Nach Rom zu pilgern, galt als ein hohes Verdienst und hoch zu beneiden war, wer das Glück hatte, dort zu sterben. Der Eingang zum ewigen Leben stand ihm offen. Der Glaube an die Macht und Wunderkraft dieses Heiligen war ein wesentliches Stück der Religion der Angelsachsen. Dem hoch verehrten Heiligen im Leben wie im Tod möglichst nahe zu sein, und seiner Gunst gewiss zu werden, wurde jetzt das größte Anliegen für den frommen Angelsachsen. In Scharen wallfahrtete man nun nach Rom. Könige legten ihre Krone nieder, pilgerten zum Grabe des heiligen Petrus und wurden dort Mönche. Eine ganze Kolonie von Angelsachsen entstand in der Stadt. Christsein bedeutete für dieses neu bekehrte Volk, Sankt Peter zu dienen.

Reise Wunibalds nach Rom
Mit der engen Anlehnung an St. Peter begann auch die hohe Zeit der angelsächsischen Kirche. Bald konnte sie an geistiger Bildung für mehr als ein Jahrhundert dem Festland voraneilen und schließlich ihm zur Lehrmeisterin werden. Die neu bekehrten Angelsachsen empfingen mit der christlichen Lehre zugleich antike Bildung. In den englischen Klöstern entstanden Stützpunkte kirchlichen Lebens und Pflegestätten der Bildung. Aus dieser wundergläubigen und zugleich gebildeten Welt erwuchs Wunibald, der Klostergründer von Heidenheim. Nach dem Vorbild seiner adeligen Standesgenossen pilgerte auch er schon in jungen Jahren zusammen mit seinem älteren Bruder Willibald und mit seinem schon alternden Vater nach Rom, der die Strapazen der Romreise nicht überstand, in Lucca starb und im Kloster des heiligen Frigidiano begraben wurde. Während Willibald nach zweijährigem Aufenthalt in Rom in das heilige Land weiterreiste, blieb Wunibald in der heiligen Stadt und trat dort in ein Kloster ein, wo er eng mit den religiösen Vorstellungen der römischen Kirche vertraut wurde und mit asketischer Frömmigkeit zugleich antike Bildung verknüpfen konnte.
Im Jahre 739 trat er in die Gefolgschaft des heiligen Bonfatius ein und zog zu ihm nach Deutschland. Damit stand sein Leben ganz und gar in asketischer Heimatlosigkeit und im Dienste dieses großen Lehrers, der das Erziehungswerk der Reform der fränkischen Kirche und ihre Unterstellung unter den Stuhl St. Peters in Rom sich als Aufgabe seines Lebens gesetzt hatte. Was die Angelsachsen als ihre höchste Pflicht betrachteten, sich St. Peter, dem Himmelspförtner, zu unterwerfen, und ihm Gehorsam zu leisten, das sollte nun auch bei den Franken als großes Erziehungswerk durchgeführt werden. Dass dieses Bekehrungswerk bei den fränkischen Adeligen Anklang fand, war natürlich, da die seelischen Voraussetzungen bei ihnen die gleichen waren wie bei ihren germanischen Stammesgenossen jenseits des Kanals. Ein ganzer Schwarm von angelsächsischen Priestern, Mönchen und Nonnen arbeitete unter der Leitung des heiligen Bonifatius an dem großen Werk, Heiden und verirrte Christen im fränkischen Reich auf den rechten Weg zu bringen und dieser rechte Weg war eben die angelsächsische Auffassung von Christentum und Kirche. Mit dem ganzen Übergewicht der höheren Bildung, die sie selbst in Rom empfangen hatten, traten die angelsächsischen Missionare auf und ihre glühende Verehrung für Petrus ließ sie dieses Werk vollenden. Die Macht des fränkischen Königs und der fränkischen Adeligen stand hinter ihnen und das Auftreten der angelsächsischen Missionare bedeutete überall zugleich eine Stärkung der fränkischen Macht.

Gründung des Klosters Heidenheim
Aus dieser allgemeinen Auffassung von der Aufgabe und den Zielen der angelsächsischen Mission muss man Wunibalds Klostergründung in Heidenheim verstehen. Die Verfasserin der Vita Wynnebaldi, die Nonne Hugeburg, selbst eine fein gebildete Edeldame angelsächsischer Herkunft, war bestrebt, vor allem das vorbildliche Leben des heiligen Wunibald darzustellen. Es sollte anderen ja zum Vorbild und zum erstrebenswerten Ziele dienen. Es ist verständlich, dass von einer Schrift, die der religiösen Erbauung dienen sollte, nicht die politischen und wirtschaftlichen Begleiterscheinungen der Klostergründung in allen Einzelheiten dargelegt werden konnten. Darum berichtet die Nonne nicht viel über Land und Leute. Auch unser Kloster Heidenheim wurde nicht in einer weltabgelegenen, total verwaldeten Gegend, sondern in einer damals durchaus bekannten und besiedelten Landschaft gegründet. Die Berichte der Nonne Hugeburg von einer totalen Waldwildnis der Heidenheimer Gegend dürften wohl übertrieben sein. Vielleicht spielt sie dabei auf die großen Wälder an, die sich im 8. und 9. Jahrhundert noch westlich der Rohrach auf dem Steilabfall des Hahnenkamms von Spielberg in Richtung Hohentrüdingen und Hüssingen - Hechlingen erstreckten.
Wunibald erschien in Heidenheim sicher nicht als mittelloser Einsiedler. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Bonifatius und zu seinem Bruder Willibald, dem ersten Bischof des von Bonifatius gegründeten Bistums Eichstätt, lassen die Vorstellung von einem armen Asketen, der mit eigener Hand die Bäume rodete und die Brennnesseln und Dornen jätete, sehr unwahrscheinlich erscheinen. Wunibalds Gründung muss vielmehr von Anfang an mit dem nötigen Grund und Boden ausgestattet worden sein, der erst das Leben eines Klosters ermöglichte. Wir erfahren zwar erst um 1400 etwas Näheres über den im Eigenbau bewirtschafteten Siedelhof des Klosters, der als Großhof von etwa 500 Joch Ackerland und etwa 150 Tagwerk Wiesen, aber nur einen Teil der heutigen Heidenheimer Gemarkung umfasste. Der andere Teil war um 800 einem Fronhofsverband eingegliedert, der dem Bischof von Eichstätt gehörte. Heidingsfelder vermutet, dass der Besitz der Eichstätter Kirche in Heidenheim und Umgebung aus dem ursprünglichen Grundeigentum des Klosters stamme. Bischof Gerhoch, der Nachfolger Willibalds , habe bei der Umwandlung des Doppelklosters Heidenheim in ein Stift von Säkularkanonikern um 790 nur einen Teil des alten Klostervermögens den Kanonikern überlassen und den andern Teil zur Stärkung der Eichstätter Kirche verwendet. Es fragt sich aber, ob nicht schon bei der Gründung des Bistums Eichstätt im Jahre 741 (neuerdings wird 743 angenommen) durch Bonifatius die Eichstätter Kirche in Heidenheim und am Hahnenkamm reichlich mit Gütern aus der Hand des Königs ausgestattet wurde. Es ist schon oft betont worden, dass die fränkische Bistumsgründung Eichstätt einen offensiven Charakter gegen den bayerischen Stammesraum hin haben sollte. Die Bistumsgründung diente in jener Zeit auch den politischen Absichten der fränkischen Hausmeier. Daher darf man auch eine reiche Ausstattung der Eichstätter Kirche mit königlichen Eigenkirchen und Königsgütern annehmen, selbst wenn keine Urkunden darüber berichten. Auch Wunibalds Klostergründung muss von Anfang an mit fränkischem Adelsgut fundiert worden sein. Wir kennen den Stifter nicht, der dem Angelsachsen Wunibald in Heidenheim Grund und Boden schenkte, um dort eine Klostergründung zu ermöglichen. Dass sie in enger Anlehnung an die fränkische Staatsgewalt und im Einverständnis mit Bonifatius erfolgte, darf man mit Sicherheit annehmen. Ziel dieser Klostergründung war weniger die Missionierung einer noch heidnischen Bevölkerung, die es in diesem Raum kaum mehr gab, sondern die Ordnung der Kirche in einem von fränkischen Siedlern stark durchsetzten politisch und strategisch wichtigen Gebiet. Hier am Nordrand des Rieses, das durch seinen Namen noch die Erinnerung an die römische Provinz Raetien festhält, lagen um den Hahnenkamm und um die Gelbe Bürg alte Siedlungen, in denen Unfreie verschiedenster Herkunft und mit unterschiedlicher sozialer Abstufung die Herrenhöfe bewirtschafteten. Grundherrliche Eigenkirchen, dem heiligen Michael, Andreas oder der heiligen Maria geweiht, betreuten schlecht und recht die Bevölkerung. Hier in diesem Raum wirkten bei den Menschen noch altes Kulturerbe aus heidnischer Zeit und altes Brauchtum nach. Hier im "Fränkischen Korridor" zwischen Alemannien und Bayern war aber auch schon eine starke fränkische Adelsschicht mit großem Gefolge eingewurzelt, die längst vor dem Eintreffen Wunibalds ihre dem heiligen Martin geweihten Eigenkirchen erbaut hatte (Obermögersheim, Degersheim?, Wettelsheim, Wolferstadt, Lehmingen) Mit seiner Klostergründung verfolgte Wunibald das Ziel, diese sonderbare Mischung von altheidnischem Kultus, arianischer Irrlehre und fränkisch katholischem Glauben nach angelsächsischem Vorbild im Sinne des heiligen Bonifatius zu reinigen und die Bevölkerung im rechtem Gehorsam gegenüber St. Peter zu erziehen. Die Vita Wynnebaldi berichtet sehr eingehend über die kirchlichen Missstände im ehemaligen fränkischen Gau Sualafeld, die Wunibald hier antraf. Da war heidnische Verkehrtheit und Zauberei verbreitet, da wimmelte es von Götzendienern, Zeichendeutern, Wahrsagern und Ehebrechern. Selbst die Priester, schon mit der heiligen Weihe versehen, waren der Unreinheit ergeben (Hugeburg). Dieser sündhaften Welt des Aberglaubens und des sittlichen Verfalls entgegenzutreten, dazu bedurfte es geistlicher Führungskräfte, die zu jener Zeit nur die angelsächsische Kirche zur Verfügung stellen konnte. Wunibald selbst wirkte wohl nicht nur durch Predigt und Bekehrung, sondern vor allem durch sein vorbildliches Leben und durch seine feine Bildung, die er sich während seines langen Aufenthalts in Rom erworben hatte. Die Nonne Hugeburg, eine Verwandte Wunibalds und seiner Schwester Walburgis, gibt uns in der Beschreibung des Lebens des Klostergründers ein Zeugnis dafür, dass unter Wunibald und nach dessen Tod unter Leitung seiner Schwester Walburgis ein Konvent fein gebildeter Angelsachsen in dem Doppelkloster Heidenheim anwesend war. Mangelnder Nachwuchs an hoch gebildeten Angelsachsen mag eine unter mehreren Ursachen gewesen sein, dass das Kloster schon um 790 in ein Stift von Säkularkanonikern verwandelt wurde.
Dass die hoffnungsvolle Gründung Wunibalds vom fränkischen Adel und vom König nicht nur geduldet, sondern auch vielfältig gefördert und mit Schenkungen bedacht wurde, daran könnte noch eine Nachricht erinnern, die erst 200 Jahre nach der Gründung des Klosters überliefert ist. In der Zeit zwischen 942 und 953 verleiht König Otto der Große dem Kloster Heidenheim auf Bitten des Eichstätter Bischofs Starchand Immunität und befreit es unter anderem auch von der Pflicht, Pferde stellen zu müssen. Der verstorbene Tübinger Historiker Dannenbauer hat dieser Verpflichtung, die nur selten in Urkunden erlassen wurde, besondere Studien gewidmet, Er hat festgestellt, dass es "nicht nur eine Schreiberlaune zu sein scheint, ob der paraveredus - so nannte man in der Fachsprache der Quellen diese Verpflichtung - eigens erwähnt wird oder nicht. Er vertritt die Meinung, dass die Pflicht, durchreisenden Königsboten Pferde stellen zu müssen, keine öffentlich rechtliche Verpflichtung war, sondern dass damit immer nur einzelne Güter belastet waren. Sie war eine der Leistungen, die von den Siedlern auf Königsland gefordert wurden. Darunter können nach der Meinung Dannenbauers nur die Königsfreien verstanden werden. Sie waren ja die Wehrbauern auf Staatsland, eine königliche Gefolgschaft, auf der ein wesentlicher Teil der Wehrkraft des fränkischen Staates beruhte. Auf ihren Gütern ruhte auch die Verpflichtung, durchreisenden Königsboten Pferde und Gespanne zu stellen. Neuerdings hat man nachgewiesen, dass diese eigentümliche Verpflichtung allerdings auch auf den Höfen der unfreien Bauern lastete, die auf Königsland saßen. Jedenfalls wurden diese Dienste nur dort gefordert, wo Königsgut vorhanden war. Es erhebt sich nun die Frage: Wie kommt der König Otto I. dazu diese Verpflichtung, Pferde zu stellen, ausgerechnet den Leuten des Klosters Heidenheim zu erlassen? Da nur der König über das Königsgut verfügen und nur er diese Verpflichtung erlassen konnte, wird man mit Recht annehmen dürfen, dass das Kloster bei seiner Gründung unter den Karolingern schon mit Königsgütern beschenkt wurde. Königsfreie oder Unfreie auf königlichem Grund und Boden konnten zusammen mit ihren Gütern vom König an die Kirche verschenkt werden. Diese Urkunde aus der Mitte des 10. Jahrhunderts lässt also noch erkennen, dass die Klostergründung Wunibalds in Heidenheim in enger Anlehnung an die Ausbreitung der fränkischen Herrschaft in unserer Heimat erfolgte und die Zustimmung und Unterstützung des fränkischen Adels fand. Die Angelsachsen waren hier Boten des Rom verbundenen Christentums und zugleich Wegbereiter der fränkischen Herrschaft.
 
 
  Literatur:

  1. Heinrich Dannenbauer, Grundlagen der mittelalterlichen Welt, Stuttgart 1958.
  2. Theodor Schieffer, Winfrid - Bonifatius und die christliche Grundlegung Europas, Darmstadt 1972.
  3. Andreas Bauch, Quellen zur Geschichte der Diözese Eichstätt Bd. I,Biographien der Gründerzeit.
  4. Der hl. Willibald, Klosterbischof oder Bistumsgründer? Regensburg 1990.
 
 
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