Hohentrüdingen - aus der Geschichte eines Dorfes  
 
 Der Fallknecht zu Hohentrüdingen 
 
 
 

Ein zeitweise Bediensteter der Gemeinde Hohentrüdingen war im 18. Jahrhundert der Fallknecht. Was ist unter dieser Bezeichnung zu verstehen? Hier handelt es sich nicht etwa um einen Bauernknecht, der von der Heufuhre oder vom Gabertloch im Stadel auf die Tenne herabgefallen ist , was ja bisweilen vorkam, sondern um einen Mann, der das gefallene, das verendete Vieh wegzuschaffen hatte. Heute ist dafür die Tierkörperbeseitigungs-Anstalt in Gunzenhausen beim Fallweiher zuständig. In ältester Zeit besorgte jeder Bauer oder Seldner diese unangenehme Tätigkeit gezwungenermaßen selbst. Das gefallene Stück Vieh wurde irgendwo eingegraben oder heimlich in den Bach geworfen, wie dies manchmal noch vor 70 Jahren mit den jungen kranken Schweinlein geschah. Mit der Ausformung der Gemeinde im hohen und späten Mittelalter konnte nicht mehr jeder sein gefallenes Vieh an einem beliebigen Ort in der Gemarkung verscharren, sondern für den "Fall" wurde ein gemeinsamer Platz bestimmt, wo jeder seine verendeten Schweine oder Rinder vergraben konnte. In der Regel wählte die Gemeinde dafür eine vom Dorf abgelegene, meist umbewirtschaftete Stelle aus. Für das während einer Viehseuche verendete Vieh wurde im Mittelalter gewöhnlich das Wort Schelm oder Schelme gebraucht, das auch zum Schimpfwort für Menschen herhalten mußte. Daran erinnern heute noch Flurnamen. In Heidenheim ist z.B. ein Schelmacker verzeichnet, ebenso in Auernheim. Unter dem Schelm verstand man im Mittelalter auch die Seuche, besonders die Viehseuche, auch den toten Körper, das Aas. Das Tätigkeitswort schelmen hat den Sinn von "Haut abziehen, schinden". Der Umgang mit den Tierkadavern erregte Ekel und wurde für verwerflich gehalten. Bauern und Seldner waren vielfach dieser Tätigkeit, vor allem die des Hautabziehens, abgeneigt. Die Gemeinde beauftragte damit oft den Hirten oder den Schäfer, die beide damit den Ruf des Schinders gerieten, der kein gutes soziales Ansehen hatte. Fallknecht ist eigentlich die vornehmere Bezeichnung für den Schinder. Das Wort geht zurück auf das alte mittelhochdeutsche schinden, das "die Haut oder Rinde abziehen, enthäuten, schälen" bedeutet. Schinder, diesen Begriff betrachtete man später als nicht gesellschaftsfähig und ersetzte ihn durch Fallknecht, Abdecker oder Wasenmeister. In der Mundart blieb er noch bis in unsere Zeit erhalten.
Im 18. Jahrhundert erbaute man dem Schinder, dem Fallknecht oder Fallmeister ein eigenes Gebäude, das Fallhaus. Es sollte ihm natürlich nicht zur Wohnung dienen, sondern zum Abziehen der Haut, der Decke des verendeten Tieres. Daher wurde dieses Haus in manchen Gegenden auch Abdeckerei genannt. Die Haut hielt man, weil sie noch zur Herstellung von Leder Verwendung fand, für zu wertvoll, als dass man sie mitvergraben müßte. Diese unangenehme, oft üblen Geruch verbreitende Tätigkeit des Abdeckens wurde dem Schinder anvertraut. Diese Arbeit des Abdeckens sollte außerhalb der Ortschaft an einem abgelegenen Ort geschehen, wo möglichst wenig Leute hinkamen, damit die Seuche nicht auf das gesunde Vieh übertragen werden konnte. Das gefallene Vieh, das der Schinder nicht selbst tragen konnte, wurde auf den Schind- oder Fallschlitten geladen und zum Fallhaus geschleift. Wie Feuerleiter, Getreidemetzen, Nachtwächterhorn, Handfeuerspritze und dem "dem Instrument, womit man das aufgelaufene Vieh durch einen Stich heilen konnte", gehörte auch der Fallschlitten zum Inventar der Gemeinde. Noch heute erinnert in manchen Orten die Flurbezeichnung "beim Fallhaus" an den primitiven Bau einer dorfeigenen Abdeckerei. In Hohentrüdingen stand das Fallhaus an dem Weg nach Roßmeiersdorf vor dem Lettenbuck im herrschaftlichen Wald Eichich, von dem die Gemeinde wohl ein kleines Stück zur Erbauung dieses Gebäudes erhalten hatte. Im Jahre 1743 war wieder einmal, wie so oft, die gefürchtete Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Hohentrüdingen brauchte einen neuen Fallknecht. Man schloß einen Vertrag, einen "Akkord", wie es in einer alten Schrift heißt:

 
 
 "Akkord mit dem neu angenommenen Fallknecht zu Hohentrüdingen" 
 

Erschienen Johann Leonhard Fischer, Georg Albrecht Meyer und Hans Michel Glaß, sämtlich von Hohentrüdingen, und bringen an: Es wäre bißhero bei ihnen eingeführt gewesen, dass der Schäfer zu Ostheim den Fall bei ihnen gehabt und das Krepierte Viehe gegen Entrichtung des regulierten Lohnes weggeräumet. Anjetzo aber da die Seuche unter dem Rindvieh zu Hohentrüdingen eingerissen, wolle sich der Ostheimer Schäfer nicht nur nimmer zu Führung des Falls gebrauchen lassen, sondern die Ostheimer Gemeind habe dem es auch verboten und noch überdies, da beide letztere, nämlich Meyer und Glaß selbst nach Ostheim gegangen und daselbst Vorstellung gemachet, sich erkläret, dass ihr Schäfer künftighin mit dem Fall zu Hohentrüdingen nichts mehr zu schaffen habe, sie also sich selbst mit einem Fallknecht, so gut sie können, und möchten, versehen sollten. Wannhero die dann mit der ganzen Gemeinde Zufriedenheit den dermaligen Schäfer Caspar Klein zu Hohentrüdingen zur Wegräumung des Falls gedungen und mit ihm folgenden Accord errichtet hätten:

  1. Überläßt die Gemeinde dem Schäfer zu einer Besoldung ein gutes halbes Tagwerk Wiesen, die Schleifwiesen genannt, so zweimähdig.
  2. Soll er für die Wegräum und Abdeckung eines Haupt Stück Viehes 15 Kreuzer erhalten.
  3. Von einem jährig- bis zweijährigen Stück, was er nämlich nicht tragen kann, 7 Kreuzer zwei Pfennig.
  4. Von einem Stück, das er tragen kann, wie es Namen haben mag, 3 Kreuzer 3 Pfennig zu seinem Lohn und derjenige, dem etwas krepiert, solches unweigerlich zu bezahlen schuldig sein.
  5. Dahingegen dasjenige Vieh, so unter der Dutten (Euter) fällt, dem Schäfer mit Haut und Haaren verbleiben, er aber dafür weiters keine Belohnung bekommen solle."

Nur noch die alten Leute im Dorfe können nachempfinden, welche Angst und welchen Schrecken bei dem geringen Viehbestand eine verendete Kuh oder gar ein verendetes Pferd bereitete. Wehe aber, wenn ganze Seuchenzüge das Land verheerten. 1922, vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg wütete eine schreckliche Viehseuche in Bayern. Manche Ställe starben ganz und gar aus. Die Tiere verendeten sehr rasch. Vieh, das zu Mittag noch fraß, war am Abend schon tot. In früheren Jahrhunderten waren die Menschen noch nicht gegen Tierseuchen versichert. Trat die Seuche vor der Ernte auf, fehlte das Zugvieh. 1939 soll der Schäfer die Seuche eingeschleppt haben. Sie war die letzte folgenschwere Viehkrankheit, lief aber doch noch verhältnismäßig glimpflich ab. Einen Fallknecht braucht man heute nicht mehr im Dorfe. Wissenschaft und Forschung haben den Menschen auf dem Lande das Leben erleichtert, aber das große Bauernsterben unserer Tage geht trotzdem weiter.

 
 
 
 
 

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