Zur Geschichte Hohentrüdingens  
 
 Ausbau der oettingischen Position durch die Stadtgründung Wassertrüdingens 
 
 
 

Im Kräftespiel zwischen den beiden so überraschend auftretenden Adelsfamilien Oettingen und Truhendingen zwischen Ries, Wörnitzniederung, Hesselbergvorland und Hahnenkamm muß angenommen werden, daß zur Absicherung ihres Vogteibezirkes über den Ehinger und Reichenbacher Forst von Norden her die Grafen von Oettingen am linken Ufer der Wörnitz zunächst eine Burg errichteten, ähnlich wie im Süden des Forstes an der Wörnitzfurt bei Oettingen. Über den Zeitpunkt des oettingischen Burgenbaues bei dem heutigen Wassertrüdingen liegen keine urkundlichen Belege vor. Die Burg muß 1242 schon bestanden haben, weil Graf Ludwig III. von Oettingen 1242, 1243 und 1252 im castrum = Burg Wassertrüdingen Urkunden ausstellen ließ. Man darf wohl annehmen, daß dort schon in der Zeit der Auseinandersetzungen um die Heidenheimer Reform in der Mitte des 12. Jahrhunderts eine oettingische Burg erstand, an die erst 100 Jahre später um 1250 zur Stärkung der Herrschaft Oettingen eine ummauerte Stadt angeschlossen wurde. Burg- und Stadtgründung Wassertrüdingen sind zeitlich getrennte Unternehmen der Grafen von Oettingen. Sie beruhen auf keinen Fall auf dem Beschluß freier Bürger oder eines gewählten Stadt- oder Gemeinderates, die gar nicht existierten, sondern auf dem Entschluß eines Mächtigen, dem die unfreien Schichten zu gehorchen hatten. Er erkannte das Wörnitzknie bei Wassertrüdingen als strategisch und machtpolitisch wichtigen Platz, auf dem zu geschehen hatte, was er für richtig hielt. Wäre die Stadtgründung Wassertrüdingen auf einer schon vorausbestehenden Altsiedlung erfolgt, womöglich in einem Dorf mit fremdherrischen Untertanen, so hätte sich wohl Widerspruch dagegen erhoben. Zumindest hätten sich Spuren einer praeurbanen Altsiedlung wie etwa in Gunzenhausen oder Dinkelsbühl im Flurnamengut niedergeschlagen. Davon fehlt in Wassertrüdingen jede Spur. Die frühe Geschichte Wassertrüdingens liegt im Gegensatz zu Altentrüdingen im Dunkel des Waldes. Wassertrüdingen ist eine bewußt nach strategisch-territorialpolitischem Grundkonzept der Grafen von Oettingen angelegte Stadtgründung.
Da sich in diesem Raum der flachen Wörnitzniederung keine entsprechende Höhe findet, errichteten die Grafen von Oettingen dort eine Niederungsburg, wohl nicht so großartig und mächtig wie die Tiefenburg der Herren von Auhausen zwischen Westheim und Auhausen, aber doch abwehrbereit und mit großer Flächenwirkung gegen den Wald Baudenhard zwischen Altentrüdingen und Lentersheim. Der Bau erfolgte unter Ausnützung der Wasserführung der Wörnitz, mit deren Hilfe die Burggräben mit Wasser gespeist und der Bau durch das vorgelagerte Sumpfgebiet der Wörnitzaue von drei Seiten wirksam geschützt werden konnte. Ohne Zweifel stellte die Tiefenburg (Wasserburg) am Wörnitzknie eine starke Machtbasis zur Sicherung ihres geschlossenen Vogteibezirkes über den eichstättischen Lehenbereich dar. Sie sollte aber nicht nur den südlich von ihr gelegenen Forstbezirk schützen, ihre Wirkung sollte auch in den Baudenhard und in das Hesselbergvorland ausstrahlen. Für das leben der Menschen in der Stadt Wassertrüdingen erwies sich die Lage in der oft vom Hochwasser der Wörnitz durchfeuchteten Sumpflandschaft nicht gerade günstig. Die Stadt bedurfte eines größeren Nahrungsraumes und der ließ sich, was den Feldbau zur Erzeugung von Getreide anbelangt, eigentlich nur durch Rodung in Richtung auf den Wald Baudenhard bei Altentrüdingen und Lentersheim hin erweitern. Nach Süden zu in den heutigen Oettinger Forst hinein war eine Rodung nicht möglich, weil diese Ackerflächen südlich der Wörnitzaue oft wochenlang vom Hochwasser der Wörnitz abgeschnitten gewesen wären. Die breite, sumpfige Aue, mit Gespannen zu überqueren, hätte ein großes Wagnis bedeutet. Nur als Wiesen- und Weidegebiet erwiesen sich die flachen Niederungszonen nahe der Stadt als vorteilhaft. Aber da kam man in Konflikt mit den älteren Besitz- und Weiderechten der alten Großmark Geilsheim, die bis an die Tore der Burg und der Stadt heranreichten. Es blieb also nur eine Erweiterung der Nahrungsfläche der Stadt durch Rodung in Richtung Altentrüdingen und Lentersheim. Hier zeigt sich wieder, daß die Stadt Wassertrüdingen nicht aus einer Ursiedlung der Landnahmezeit hervorgegangen ist, denn in jener frühen Epoche, als die -ingen Orte des fruchtbaren Schwarzjuralandes entstanden, wurde der Standort einer Siedlung noch nicht nach strategisch-territorialpolitischen Gesichtspunkten ausgewählt, sondern von den von der Natur her begünstigten Voraussetzungen. Der dem Kloster Fulda angehörige Teil von Altentrüdingen ist ein alter -ingen Ort, der vorwiegend von der Gunst der Böden, der Wasserführung und der Muldenlage her bestimmt ist. Wassertrüdingen und Hohentrüdingen dagegen sind nach verteidigungspolitischen Erwägungen in späterer Zeit gegründet worden. Gerade bei der Burg- und Stadtgründung Wassertrüdingen wird augenfällig, daß die "Bürger" bei der Auswahl des Standortes ihrer Behausung nicht selbst entscheiden konnten, sondern sich dem Willen eines Mächtigen, dem Grafen von Oettingen, beugen mußten. Er brauchte hier am Wörnitzknie ein starkes Bollwerk zuerst in Form einer Tiefenburg, das dann durch eine ummauerte Stadt verstärkt wurde. Von der Stadt aus folgte die Erweiterung des Nahrungsraumes durch Rodung in Richtung Altentrüdingen und Lentersheim. Von dieser Tätigkeit geben Flurnamen noch ein deutliches Zeugnis. Es fehlen in Wassertrüdingen alte Namen wie Breitung oder Bühl, die auf eine alte Fronhofsverfassung hindeuten, ebenso die Hofnamen wie Meierhof, Hube, Wiedemhof. Es überwiegen Namen auf Geruht, Lüssen, Lehen, die einer späteren Zeit angehören. Außerdem hängen viele Namen mit der späteren Struktur der Stadt und ihren Einrichtungen zusammen, die erst nach ihrer Entstehung gebildet werden konnten.

 
 
 
 
 

Fortsetzung