Zur Geschichte Hohentrüdingens  
 
 Die Trühendinger Pfanne 
 
 
 

In der tiefsinnigsten Dichtung des deutschen Mittelalters, in seinem höfischen Epos "Parzival", setzte Wolfram von Eschenbach dem Geschlecht der Edlen von Truhendingen ein literarisches Denkmal. Es nimmt zwar im Rahmen des Gesamtwerkes nur einen sehr bescheidenen Platz ein und dient nur zur Ausmalung einer besonderen Notlage auf einer Burg, aber es besitzt neben seinem bildhaften noch einen biographischen Wert, denn es konnte dazu beitragen, Wolframs fränkische Herkunft und Heimat zu begründen. Parzival, der junge unerfahrene Tor, kommt, erfüllt von Fernweh und Tatendrang, für einige Tage auf die Burg des Fürsten Gurnemanz, wo er von dem Alten unter einer Linde höflich empfangen und für eine gewisse Zeit bewirtet wird. Gurnemanz, der Altmeister ritterlicher Lebenskunst, unterweist den Jüngling nicht nur im praktischen Waffenhandwerk und in kämpferischen Künsten, sondern bringt ihm auch die Lehren feiner, zuchtvoller Sitten bei, die er beherrschen muß, um in der Gesellschaft vornehmer ritterlicher Standesgenossen bestehen und zu Ehre und Ruhm gelangen zu können. Geläutert und von den Lehren seines greisen Gastgebers tief beeindruckt, verläßt Parzival die Burg, um nach neuen Kämpfen und Ruhmestaten auszureiten. Über wilde hohe Gebirge führt ihn sein Weg. Gegen Abend nähert er sich der Stadt Pelrapeire. Vor dem verschlossenen Stadttor pocht Parzival mittels eines Klopfringes kräftig an die Pforte. Ein schönes Mädchen erscheint mißtrauisch am Fenster und fragt nach des Ritters Begehr. Als Parzival glaubhaft bekundet, daß er nicht in feindlicher Absicht gekommen sei, sondern der Herrin der Burg, der Königin Condwiramur, ritterliche Dienste anzubieten öffnen sich die Tore für den unerwarteten Helfer, der nun in die Stadt einreitet. Der Eindruck, den der Ritter Parzival beim Betreten der Stadt empfängt, ist bedrückend. Alle Männer, auch die Kaufleute, sind bewaffnet, wenn auch nur sehr notdürftig. Vor allem aber fällt ihm der Ernährungszustand dieser Leute auf. Allenthalben begegnet Parzival abgemagerten und entkräfteten Gestalten. "Der hunger het in (ihnen) daz vleisch vertriben", meint Wolfram. Anlaß der Hungersnot im Land ist der König Clamide von Brandigan, der die Stadt Pelrapeire mit seinem Heer schon lang belagert. Wolfram schildert nun diese Not, und um sie dem Leser noch eindrucksvoller vor Augen zu führen, zählt er alles das auf, was es hier in dieser ausgezehrten Stadt nicht gibt und was sonst ein Fremder unter normalen Bedingungen erwarten könnte.

Wolfram sagt:
"sich vergoz da selten mit dem mete
der zuber oder diu kanne:
ein Trühendinger phanne
mit kraphen selten da erschrei:
in was der selbe don entzwei"

(Parzival IV 184, 22-26)

Versuchen wir die Worte Wolframs aus dem "Parzival" in die Sprache unserer Tage zu übertragen. Da ist zunächst einmal die Rede von einem Zuber, einer Kanne und dem Met, der daraus vergossen wird. Die Bezeichnung Zuber für ein "zweiträgiges Gefäß", das heißt ein Gefäß mit zwei Handhaben, wird heute nur noch selten gebraucht; im Mittelalter war sie allgemein üblich. Das althochdeutsche Wort zubar, zuibar muß als Gegenwort zu althochdeutsch einbar verstanden werden, aus dem unsere Bezeichnung Eimer entstanden ist. Dem mittelalterlichen Menschen waren Zuber und Kanne als Gefäße und Flüssigkeitsmaße wohl bekannt. Ebenso verbreitet war die Kenntnis von Met, ein weinartiges, in jungem Zustand nach Honig schmeckendes Getränk, dar früher überall in Europa seit alter Zeit hergestellt wurde. Nachdem wir nun den Sinn der Hauptwörter in den ersten Zeilen von Wolframs Vers erschlossen haben, wenden wir unser Augenmerk dem "vergoz" und "selten" zu. Das mittelhochdeutsche Wort vergoz (von vergiezen) bedeutet auch verschütten. Und "selten" wird meist für unser neuhochdeutsches Wort "nie" gebraucht. So kommen wir für die ersten beiden Zeilen zu folgender Übertragung: Da (in der Stadt Pelrapeire) wurde nie aus einem Zuber oder einer Kanne der Met verschüttet. Es gab nämlich keinen mehr zu verschütten; die lange Belagerung ließ längst die Vorräte an diesem edlen Getränk erschöpfen, die Verteidiger konnten froh sein, wenn sie Wasser zu trinken hatten.
Vom Trinken leitet Wolfram zum Essen über und führt hier zur Veranschaulichung der großen Hungersnot auf Pelrapeire die Trühendinger Pfanne mit ihren Krapfen an. Die Pfanne, jenes verhältnismäßig flache Gefäß zum Braten, meist aus Metall, seltener aus Ton gefertigt, ist in der Kochkunst seit ältester Zeit bekannt und zum unentbehrlichen Helfer im Haushalt geworden. Eine oder mehrere Pfannen gehörten daher neben einem Bett, einer Kuh und anderem zur notwendigen Brautausstattung auch der geringen Leute. Sehr früh spezialisierte sich vor allem in den Städten und Märkten das Gewerbe der Pfannenschmiede heraus, weil eiserne Pfannen zum Backen von Pfannkuchen - in Oberdeutschland Krapfen genannt - und zum Braten erforderlich waren. Eine Pfanne war also ein wichtiger Gebrauchsgegenstand im Haushalt, der zur Ernährung der Menschen seit alter Zeit in hoher Wertschätzung stand. Doch eine Pfanne allein ist ein toter Gegenstand, der erst lebendig werden und seine volle Güte und Wohltat entfalten kann, wenn er auf dem Feuer steht und mit Fett gefüllt ist. Dann fängt auf einmal die Pfanne an, Töne von sich zu geben, das Fett bruzzelt und prasselt nun in der Pfanne. Wolfram sagt: die Pfanne schreit. Für einen Hungernden hört sich das Prasseln der Pfanne wie ein Freudenschrei an, denn nun kann er sich der Hoffnung hingeben, daß sein Hunger gestillt wird. Wolframs Vers "ein Trühendinger phanne mit kraphen selten da erschrei, in was der selbe don entzwei" dürfen wir also wie folgt in die Sprache unserer Zeit übertragen: Hier auf der Burg Pelrapeire hörte man nie den Schrei (Freudenschrei) der Trühendinger Pfanne mit ihren Krapfen. Dieser Ton war längst verstummt. In der belagerten und ausgezehrten Festung Pelrapeire konnte auch keine Pfanne mehr schreien, weil es kein Fett mehr gab zum Backen und Braten. Mit dem Bild von der schreienden Trühendinger Pfanne, das als Wohlklang empfunden wird, weil es das Gespenst des Hungers bannt und das Gefühl des Wohlergehens ausstrahlt, versteht Wolfram, wie so oft in seinen Werken, die Zuhörer mit anschaulichen, farbenfrohen Bildern zu ergötzen. Der mittelalterliche Mensch brauchte diese bildhafte Sprache, um Gedanken mit der Tiefe seiner Seele erfassen zu können. Eine abstrakte Sprache, wie sie heutzutage vielfach üblich und notwendig geworden ist, hätte nicht an sein Herz gerührt und seinen Verstand nicht bereichert.
Dieses Bild von der prasselnden Pfanne als dem Sinnbild des Wohlergehens und des gesicherten Daseins gebraucht auch Wolframs Zeitgenosse, der große lyrische Dichter Walther von der Vogelweide. Walthers stete Angst, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht, war die Sorge um das tägliche Brot, um eine gesicherte Versorgung. Walther war arm und als Sänger mit seiner Kunst abhängig von der Gunst der Mäzene und den Launen der Großen ausgeliefert, die ihm Unterhalt gewährten oder auch versagten. In einem seiner Sprüche gibt Walther seiner Sorglosigkeit Ausdruck, weil ihm drei Fürstenhöfe bekannt sind, an denen er mit Milde rechnen kann:

"Die wile ish weiz dri hove so lobelicher manne,
so ist min win gelesen und suset wol min pfanne"

Das heißt etwa in unsere Sprache übertragen: "Solange ich drei Höfe so guter Männer kenne, ist mein Wein gelesen, und lustig prasselt meine Pfanne". Bei Wolfram schreit, bei Walther saust die Pfanne, und solange sie prasselt und saust, ist keine Not zu befürchten; lustig kann man dann singen wie der Vogel im Walde. Wehe aber wenn das Schreien, Prasseln und Sausen der Pfanne wie einst auf Burg Pelrapeire nicht mehr zu hören ist, dann ist es vorbei mit der Freude, Dann geht der Hunger um und vertreibt die Lust des Lebens. Für Wolfram und Walther ist die schreiende oder sausende Pfanne Sinnbild der Gastfreundschaft, Gewähr für eine standesgemäße Versorgung.

 
 
 
 
 

Fortsetzung