Flurnamen in Polsingen 
 
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  Die Wald- und Flurnamen von Polsingen

 
Wer sich der Heimatflur verbunden fühlt und sie nicht nur räumlich erwandern, sondern auch geistig und seelisch in sein Herz schließen möchte, der muss die vielen schlichten Namen zu Rate ziehen, die einst vor der großen Flurbereinigung in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts mit den kleinen Wiesen und Äckern verbunden waren. Sie allein halten die Erinnerung an vergangene Zeiten fest, die längst in der fast beängstigenden Weite und Einsamkeit der erheblich größeren Getreide- und Maisfelder sich verloren haben. Denn die Flurnamen stellen nicht einfach nur Bezeichnungen für ein Stück Land dar, so wie wenn etwa die Industrie heute ein Waschmittel oder einen neuen Gebrauchsartikel anpreist, sondern sie sind dem Denken und Fühlen unserer Ahnen entsprossen und wurden von Generation zu Generation im Volksmund weitergereicht. Unsere Vorfahren lebten in der kleinen, engen Welt ihrer Heimatflur, die sie nur selten verlassen konnten und mit der sie deshalb sehr innig verbunden waren, weil sie tagtäglich ihr Arbeits- und Erlebnisbereich war. Heute ist das anders. Die Heimatflur ist nur noch für wenige Leute Arbeitsfeld und mancher entfremdet ihr völlig. Der Duft der großen weiten Welt ist in die Stille unserer Dörfer gedrungen und erweckt Begierden, Sensationssucht und Fernweh. Moderne Verkehrsmittel ermöglichen den Ausbruch aus der heimatlichen Enge in die entferntsten Gefilde unserer Erde. Die Heimatkunde als Erlebnis- und Bildungsquelle strahlt nur noch wie ein verglühender Stern. Selbst die vertrauten Namen für Äcker und Wiesen der Umgebung geraten in Vergessenheit. Nur noch die Flurnamen in alten Büchern und auf vergilbten Plänen halten fest, was unsere Ahnen in der kleinen Welt ihrer Heimatflur bewegte und erregte. Sie erzählen noch, wie in harter Handarbeit sich unsere Väter und Großväter mit dem heimischen Boden auseinandersetzen mussten, um ihm das tägliche Brot abzuringen. Sie berichten, wie sie ihn beurteilten und beobachteten und mit ihrer reichen Phantasie erfüllten. Diese alten Flurnamen führen uns längst vergangene Wirtschaftsweisen vor Augen, vom Hirten- und Weidewesen, vom Flurzwang, von der Dreifelderwirtschaft, von der Zerstückelung der Grundstücke und von der Machtlosigkeit gegenüber den Unbilden der Witterung. Die große Flurbereinigung hat die Menge der Linien ausgelöscht, die sich im Laufe des Mittelalters in unsere Gemarkung als Grundstücksgrenzen eingebürgert haben. Noch su Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als man von der Weidewirtschaft zur Stallfütterung überging und die gemeindeeigenen "ewigen Weidegründe", die Espan, Wasen und Hutungen, unter die berechtigten Dorfgenossen verteilte, wurde unsere Gemarkung in einen Fleckerlteppich verwandelt, wie er bunter nicht mehr erscheinen konnte. Und fast jedes dieser winzigen Grundstücke trug einen Namen, der einen Sinn aufzuweisen hatte und von dem Einfallsreichtum und der köstlichen Phantasie unserer naturverbundenen Vorfahren Zeugnis gibt. Heute ist diese Zersplitterung der Flur zu Gunsten größerer Blöcke beseitigt worden. Schwere Pflüge und Erntemaschinen ziehen dröhnend über einstige Feldgrenzen hinweg. Die Produktion wurde gewaltig gesteigert. Die ewige Angst des mittelalterlichen Menschen, die Ernte könnte schlecht ausfallen und der Hunger im Winter umgehen, ist einer anderen Angst gewichen: wohin mit dem goldenen Überfluss? Mit den alten Grundstücksgrenzen der Felder und Wiesen drohen nun auch die Flurnamen in Vergessenheit zu geraten, die einst in aller Munde waren, weil dazumal ja die Feldarbeit nicht von einem einzigen Mann mit der Maschine bewältigt wurde wie heutzutage , sondern, weil Äcker und Wiesen von ganzen Familien bevölkert waren. Zur Erntezeit spielte sich das Leben der bäuerlichen Menschen von früh bis abend auf der Wiese oder im Felde ab. Man wechselte zu Fuß von einem Acker zum andern und von einer nahen Wiese zu einer weit entlegenen. Schon auf dem Weg zur Arbeit kam man an dem und jenem Feld der Nachbarn vorbei, man beobachtete den Stand der Früchte und hatte so immer wieder einen oder den anderen Namen des Grundstücks im Munde. Man machte sich zwar kaum Gedanken über den Inhalt und was er wohl bedeuten könnte, aber man verwendete die Namen im täglichen Sprachgebrauch und war so innig mit ihnen verbunden. Heute kennen nur noch die alten Leute einigermaßen die Flurnamen. Um sie nicht der völligen Vergessenheit anheimfallen zu lassen, haben wir sie aufgeschrieben und volkstümlich zu deuten versucht. Der Arbeit haften natürlich Mängel an, weil nur wenige alte Formen der Namen zur Verfügung standen. Wer aber den Inhalt eines Orts- oder Flurnamens erläutern will, der muss zu den Urkunden und ältesten Aufzeichnungen zurückgehen, denn nur diese stehen der Ursprünglichkeit dieser Namen am nächsten. So muss die Sammlung unvollendet und Stückwerk bleiben. Sie will auch keinen wissenschaftlichen Grad erreichen, sondern nur erahnen lassen, welcher Reichtum an Gedanken, Sprachbildern und an historischen Zeugnissen der Kultur- und Agrargeschichte in ihnen steckt. Vergessen dieser köstlichen Flurnamen bedeutet auch Verlust von einem Stück Heimat, die ja immer mehr aus dem Blickfeld des modernen Menschen rückt. Das, was wir so oft als die Wärme und Geborgenheit des Dorfes bezeichnen, gleitet hinüber in die kalte Allmacht des politischen und wirtschaftlichen Denkens, die immer neue Begierden weckt und den inneren Reichtum versiegen lässt, der aus dem Bildungswert der Heimatkunde einst die Menschen beseelte. Die Flurnamensammlung will dazu beitragen, daß wenigstens der ein oder andere Interessierte den Schatz erahnen kann, der in diesem Namengut liegt.
 
 
 
 
Fortsetzung