Die Burg Hohentrüdingen als Herrschaftszentrum  
 (Fortzsetzung) 
 
 Der Burgus 
 
 

Der Eindruck, den wir bei einer Besichtigung der weiträumigen Hohentrüdinger Wallanlagen gewinnen, läßt uns zu der Überzeugung kommen, daß hier im 12. Jahrhundert noch etwas größeres geplant wurde, sich aber nicht realisieren ließ. Im sogenannten "oberen Berg" umschließen die Wälle einen noch heute weiten, wenig bebauten Raum, in dem zur Gründungszeit nur die Gebäude des Bauhofes untergebracht waren. Diese jedoch standen nicht in der Mitte, sondern am Rand des großen befestigten Platzes. So scheint es, daß innerhalb dieses im großräumigen Rechteck angelegten Wallsystems eine Handwerkersiedlung, womöglich mit einem Markt, und vielleicht sogar eine frühe Stadtgründung entstehen sollte, wie dies ja häufiger bei Dynastenburgen der Fall war. In der Stauferzeit bürgerte sich für eine derartige frühe Stadtanlage der Begriff Burgus ein und gerade die staufische Kanzlei zeigte für diesen Ausdruck eine gewisse Vorliebe. So werden zum Beispiel in der bekannten Eheabrede des Barbarossasohnes Konrad mit der spanischen Königstochter Berengaria 1188 auch Weißenburg, Bopfingen, Gmünd, Dinkelsbühl und Aufkirchen am Hesselberg als burgus bezeichnet. Es waren dies damals staufische Kleingründungen, wenig bedeutende Städte, bisweilen noch gar nicht ummauert, die sich erst im späteren Mittelalter zu freien Reichsstädten entfalten konnten. Durch die staufische Städtepolitik mögen auch die Truhendinger zu derartigen Gründungen im Anschluß an ihre Burgen angeregt worden sein. Für Gunzenhausen muß dies als wahrscheinlich angenommen werden, für Hohentrüdingen war wohl eine ähnliche Anlage vorgesehen. Man erhoffte sich vielleicht eine wirtschaftliche Belebung dadurch, daß man die Anfänge des Kastenamtes - wenn man es um diese Zeit schon so nennen darf - in die Nähe der Burg verlegte. Mit der Vogtei waren ja Abgaben verbunden, die an bestimmten Terminen von den Bauern auf der Burg abgeliefert werden mußten. Bei dieser Gelegenheit konnten dann, wenn eine Handwerkersiedlung mit der Burg verbunden war, auch Einkäufe getätigt und Geschäfte abgewickelt werden. Ob der Kastner, der mit der Einhebung der Gefälle beauftragt war, nun nicht schon von Anfang an in Heidenheim seinen Sitz hatte oder ob er zunächst in Hohentrüdingen auf der Burg amtierte, bleibt fraglich. Eine Marktsiedlung konnte sich bei der Burg wohl nur schwer entwickeln, denn das Kloster Heidenheim verfügte schon seit alter Zeit über einen eigenen nicht unbedeutenden Markt, der günstiger gelegen war, als das unwegsame Hohentrüdingen. Es beherbergte zudem das Grab des heiligen Wunibald und die Erinnerungsgrabstätte der heiligen Walburgis, die an Festtagen die Scharen der Gläubigen zusammenströmen ließen. Bei der engen Verbundenheit von Religion und Marktgeschehen im Mittelalter bestand im nahen Hohentrüdingen wenig Aussicht auf einen erfolgreichen Markt. Diese Umstände mögen dazu beigetragen haben, daß die Gefälle aus der Vogtei schon sehr früh im benachbarten Heidenheim gesammelt wurden, wo die Truhendinger ja den großen eichstättischen Fronhofsverband bevogteten. Das spätere markgräfliche Kastenamt Hohentrüdingen, das aus der truhendingischen Vogtei hervorgegangen war, hatte jedenfalls schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts seinen Sitz in Heidenheim bei der Pfarrkirche St. Walburgis, in dem von den Truhendingern bevogteten eichstättischen Bereich. Ähnlich war das auch mit dem Halsgericht, das, soweit es zurückverfolgt werden kann, in Heidenheim seinen Sitz hatte, woran noch heute der Flurname "am Galgenberg" erinnert. Es liegen keine Hinweise vor, daß je einmal in Hohentrüdingen eine Blutgerichtsstätte vorhanden war, was natürlich nicht ausschließt, daß sie zur Gründerzeit der Burg dort bestanden haben könnte. Man muß bei der großräumigen Umwallung des ehemaligen Bauhofgeländes in Hohentrüdingen, das lange Zeit unbebaut blieb, vermuten, daß im Anschluß an die Burg eine Markt- oder gar eine Stadtgründung beabsichtigt war, die sich freilich gegenüber dem alten Markt des Klosters Heidenheim wirtschaftlich nicht durchsetzen konnte und deshalb wieder aufgegeben wurde. So wird schon sehr früh das Kastenamt und das Blutgericht dorthin verlegt worden sein. Die großzügige Planung mittelalterlicher Wallanlagen in Hohentrüdingen, die um 1300 Veste genannt werden, geben daher noch manche Rätsel auf.

 
 
 
 
 

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