Die Burg Hohentrüdingen als Herrschaftszentrum  
 (Fortzsetzung) 
 
 Der Bergfried 
 
 

Als eindrucksvolles Zeugnis der ehemaligen Burg zu Hohentrüdingen ist noch der Bergfried erhalten, der heute als Kirchturm dient. Aus einem quadratischen Grundriß von 12 mal 12 Metern erhebt sich die gewaltige Baumasse mit drei Meter dicken Mauern etwa 30 Meter hoch und schaut aus dem Buchengrün des Hahnenkamms weit hinein in das Ries bis zur Schwäbischen Alb, ins Hesselberggebiet und obere Altmühltal. Der Turm kann heute mühelos bestiegen werden, elektrische Beleuchtung erhellt das Dunkel, ein Umgang ermöglicht eine herrliche Fernsicht, an Föhntagen sogar bis zu den Alpen. In der Teilungsurkunde vom Jahr 1329 wird er nicht als Bergfried bezeichnet. Dieser Begriff ist erst in der Burgenkunde des 19. Jahrhunderts verbindlich geworden. Im Mittelalter nannte man ihn einfach Tvrn = Turm, ein Hinweis dafür, daß in der stauferzeitlichen Burg noch nicht viele Türme vorhanden waren. Sein Platz wurde dort gewählt, wo die größte Gefahr drohen konnte: Im Osten der Kernburg. Er stand aber einige Meter hinter der östlichen Mauer vollkommen frei von jedem Anbau. 1329 heißt es nämlich: "der Ganch vor der Kapelle bis an das getülle da vor vnd gemainlich vmb vnd vmb den tvrn biz an die Phistrin ist auch gemain". Der Turm galt als bedeutendster Wehrfaktor innerhalb der Kernburg. Von seiner Bekrönung aus, über deren Beschaffenheit keine Nachrichten vorliegen, konnte man den gesamten Bereich der Kernburg überwachen. Er war der letzte Zufluchtsort der Verteidiger und konnte nur durch einen Einstieg mittels Leitern in neun Metern Höhe erreicht werden. Dieser ist mit dem sauber gearbeiteten romanischen Bogen noch erhalten, aber heute durch das Kirchendach verdeckt. Die dem Einstieg gegenüberliegende Lichtöffnung nach Osten wurde erst später in die Turmmauer eingebrochen, genau wie der heutige untere Zugang durch die Sakristei. Unter dem Einstieg sind noch Löcher zu beobachten, in denen wohl einmal Balken als Stütze einer Plattform dienten, von der aus man den Gegner bekämpfen konnte.
Der Bergfried wurde wie die Mauer der Kernburg in Schalenbauweise aufgeführt. Das bedeutete, daß von der drei Meter starken Mauer nur die Außen- und Innenseite mit solide bearbeiteten Quadern beschichtet wurden, während man dazwischen die unbearbeiteten Bruchsteine setzte und die Hohlräume mit Kalkmörtel auffüllte, daher auch Füllmauerwerk genannt. Dadurch entstand ein stabiler Mauerverbund wie aus einem Guß. Im Einstieg gegen den Kirchenboden läßt sich diese Technik noch gut beobachten. Dieses Schalenmauerwerk erforderte eine erhebliche Menge von Kalk, der gebrannt, gelöscht und herantransportiert werden mußte. Kalksteine waren in der Hohentrüdinger Markung vorhanden, so zum Beispiel bei der "Wolfsgrube" am Fußweg nach Hechlingen und etwas entfernt davon bei der sogenannten Kreuthofscholle in der Nähe des Kreuthofes, beides Auswurfsgesteine aus dem Rieskrater, wobei der bankartig gelagerte Weißjurakalk (Werkkalk) in gekippter Lage vorgefunden wurde. Zum Brennen der Kalkmassen scheint beim Bau der Burg eigens ein Kalkofen außerhalb der Baustelle errichtet worden zu sein, der nach Vollendung des Bauwerks scheinbar wieder aufgelassen wurde, da kein Flurname im 16. Jahrhundert mehr an ihn erinnert. In der Teilungsurkunde von 1329 heißt es jedoch: "Der Perch (heute das obere Dorf) ist auch so getailt, der Recht weg von Haechling (Hechlingen) zer Luche (Flurname Loch) her in durch den zile (Flurname Zeil) vnd den rechten wagenwech für den Kalkouen (Kalkofen) vnd nach der vndern strasse gelich ab fur die Batstuben biz an daz Hag (151)."
Besonderen Eindruck erweckt auch bei dem geschichtlich nicht vorgebildeten Besucher des Turmes die exakte Bearbeitung des äußeren Schalenmauerwerks. Hier wurden große grobe Steinblöcke rechtwinklig auf gleiche Höhenmaße bearbeitet, daß sie fast modernen genormten Bausteinen ähnlich sehen. Ihre Außenseite glätteten die Steinmetze nur am Rand, während die übrige Fläche zu einem vorstehenden Buckel grob geformt wurde. Buckelquader mit Randschlag, so bezeichnet die Baugeschichte diese Art der Steinbearbeitung, die nach Meinung der Forschung erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nach dem zweiten Kreuzzug allgemeine Verbreitung im süddeutschen Raum erfahren durfte und als Merkmal des staufischen Burgenbaues gelten kann. Hier müssen geschulte Fachleute am Werk gewesen sein, Steinmetze, die geschickt mit Zweispitz, Schlageisen und Flachhammer umzugehen vermochten und einer eigenen Bauhütte angehörten, über die aber keine Nachrichten vorliegen. Diese gediegen bearbeiteten Buckelquader wurden von geübten Maurern fein säuberlich versetzt, so daß ein Mauerwerk von fast beängstigender, abschreckender Wirkung und doch vollendeter Formschönheit entstand, das wir noch heute bewundern müssen. In den mittleren und oberen Lagen sind viele Buckelquader in der Mitte mit einem eingemeißelten Zangenloch versehen, das darauf hinweist, daß die schweren Quader mittels einer eisernen Hebezange hochgezogen wurden. Der Bergfried von Hohentrüdingen erregt auch noch heute, achthundert Jahre nach seiner Entstehung, die Bewunderung der Besucher. Man fragt sich unwillkürlich: Wurde dieser gewaltige Aufwand an solider Steinmetzarbeit und exakter Mauertechnik Von den Edlen von Truhendingen nur aus einem Schutzbedürfnis heraus betrieben? Gar oft hört man die Meinung, die Buckelquader seien an mittelalterlichen Türmen und Mauern verwendet worden, um ein Emporschieben von Leitern bei Angriffen zu verhindern. Diese vielleicht geringe Nebenwirkung lag aber sicherlich nicht in der Absicht der Erbauer, denn die sauber bearbeiteten Buckelquader wurden vom Grund bis zur Bekrönung des Turmes verwendet, wo kaum noch Leitern emporgeführt werden konnten. Es müssen ganz andere Gründe für diese kostspielige Bauweise maßgebend gewesen sein. Hier bahnte sich im 12. Jahrhundert schon etwas an , was in der Barockzeit seine höchste Vollendung erreichte: das fürstliche Selbstverständnis bedurfte der Repräsentation. Die Edlen von Truhendingen gehörten ja nicht zur Standesklasse armer Ministerialen, die über keine großen finanziellen Mittel verfügten, sondern sie erreichten sogar die Grafenwürde und fühlten sich als Dynasten. Ihre Burg zu Hohentrüdingen sollte in ihrer Bauweise den hohen gesellschaftlichen Rang dieses Geschlechts zum Ausdruck bringen. Deshalb griff man beim Bau der Kernburg zum Schmuckelement des Buckelquaders, das an den Umfassungsmauern und am Bergfried seine Verwirklichung fand. Zum Wohnen war der Turm kaum geeignet, denn kein Sonnenstrahl konnte in sein Inneres dringen, wohl aber zur Demonstration der Macht. Von dem Turm sollte jene kraftvolle Wirkung ausgehen, auf der die Herrschaft der Truhendinger ruhte und der sich die Menschen des Landes zu unterwerfen hatten. Hier sollten Wohlhabenheit und Kunstsinn zugleich, aristokratische Lebensart und höfische Gesellschaftsform zur Schau gestellt werden. Den unfreien bäuerlichen Menschen, die schwer zu arbeiten hatten, sollte dieser massige Turm aus Buckelquadern nicht nur düstere Drohung verkünden, sondern ihnen das Gefühl der Sicherheit geben: Wir stehen auch in unserer Unfreiheit unter dem Schutz eines mächtigen Herrn, mit dem unser Schicksal verbunden ist.

 
 
 
 
 
 Anmerkungen
Abkürzungen:
Hei = Franz Heidingsfelder, Die Regesten der Bischöfe von Eichstätt, Erlangen 1938
Englert = Sebastian Englert, Geschichte der Grafen von Truhendingen, Würzburg 1885
AG = Alt - Gunzenhausen
GHB = Gunzenhäuser Heimat- Bote
151 Siehe Anmerkung 149
 

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