Zur frühen Geschichte der Edlen von Truhendingen im Hahnenkamm  
 (Fortzsetzung) 
 
 Verwandtschaft zu den Grafen von Oettingen? 
 
 

In die frühe Entwicklungsstufe der Herrschaft des Oettinger Grafenhauses, soweit sie sich seit der Mitte des 12. Jahrhunderts aufgrund der spärlichen Quellen verfolgen läßt, sind ähnliche Elemente eingebunden, wie sie am Anfang der Geschichte der Edelherren von Truhendingen beobachtet werden können. Überraschung löste such bei den Oettingern das unvermutete Auftreten dieser Familie um 1140 an der Wörnitz aus und ihre Benennung nach einem fuldischen Besitz Oettingen, einem alten -ingen- Ort, in dem für die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts ähnlich wie in Altentrüdingen ein Fronhofsverband von 20 Huben und 40 Joch Salland bezeugt ist, dessen Herkunft aus ehemaligem Königsgut durch die besondere Qualifizierung als iugera dominicalia anzunehmen ist (68). Eine Vorzugsstellung der Oettinger gegenüber den Truhendingern bedeutet die Grafenwürde, mit der sie um 1147 bedacht wurden. Wie die Edlen von Truhendingen in Gunzenhausen an der Altmühlfurt, so wurden auch die Oettinger mit einer Teilvogtei über Güter des Klosters Ellwangen betraut. Von Eigengut der Grafen in und um Oettingen fehlt ebenfalls jede Spur, so daß man annehmen muß, daß auch dieses Edelgeschlecht auf dem Weg über die Kirchenvogtei im Auftrag der übergeordneten zielbewußten staufischen Königslandpolitik an der Nahtstelle zwischen Ostschwaben und Franken angesetzt worden ist. Die für die Beherrschung des Raumes wichtige Straßenlage des Ortes Oettingen an der häufig überschwemmten Wörnitzaue mit der dort beide Ufer verbindenden Furt - man bedenke den Namen des gegenüberliegenden Ortes Hainsfarth = Heimunesfurt - mag als Ausgangspunkt einer sich entfaltenden Machtposition in kluger Voraussicht gewählt worden sein. Wie bei den Edlen von Truhendingen wurde der Aufstieg der Oettinger durch ihre Verwandtschaft mit dem staufischen Königshaus begünstigt. Zwar wird eine Blutsbande zwischen den Staufern und den Grafen von Oettingen nicht urkundlich bezeugt wie bei den Truhendingern, doch hat die Forschung der letzten Jahre einer derartigen Verwandtschaft einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad unterlegen können. Am eindrucksvollsten überzeugt wohl die Annahme Heinz Bühlers, der als Brücke zwischen den beiden Geschlechtern neben Besitzverzahnung und Besitznachfolge vor allem die oettingischen Leitnamen Ludwig und Konrad in Betracht zieht (69). Nach den scharfsinnigen Untersuchungen Bühlers wurde die Verwandtschaft zwischen Staufern und Oettingern durch den Träger des Namens Ludwig vermittelt. Ein Ludwig von Westheim (am Kocher bei Schwäbisch Hall), gestorben 1112, Sohn des schwäbischen Pfalzgrafen Ludwig (etwa 1044 - 1103), des Bruders Herzog Friedrichs I. (1047 - 1105), beide aus dem Geschlecht der Staufer, war mit Meregard, Miterbin des Grafen von Komburg, verheiratet (70). Eine Tochter aus dieser Ehe muß mit dem schwäbischen Edelfreien Konrad von Wallerstein verheiratet und Stammutter der Oettinger gewesen sein. Sie brachte den von ihren vornehmen staufischen Ahnen ererbten, auf Karolingerabstammung hinweisenden Rufnamen Ludwig in die Ehe mit Konrad ein (71). Konrad von Wallerstein (nachweisbar zwischen 1120 und 1150) darf nach dieser These Bühlers als Stammvater, die unbekannte Tochter Ludwigs von Westheim (gestorben 1112) und der Meregard (gestorben 1110) als staufische Stammutter der Oettinger gelten. Der Erstgeborene aus dieser ehelichen Verbindung wurde nach dem rangmäßig höherstehenden staufischen Großvater Ludwig genannt. Mit Billigung oder auf Anweisung des staufischen Herzogs und späteren Königs Konrad III., der in erster Ehe eine Gertrud von Komburg, eine Verwandte der Meregard, zur Frau hatte (72), nahm er seinen Sitz in Oettingen, wurde dort mit der Vogtei über die fuldischen Güter und mit dem Grafentitel betraut und erhielt so im Auftrag des staufischen Königs Konrad eine bedeutende politische Stellung. Von nun an dokumentiert das Geschlecht der Oettinger seine ihm vom Königtum zugewiesene Aufgabe durch ein neues Herrschaftsbewußtsein und brachte dies durch zähes Festhalten an dem Herkunftsnamen Oettingen zum Ausdruck. Hier zeigt sich eine Parallele zu den Truhendingern. Dem Zweitgeborenen gab man den Namen Konrad, in ihm lebte die Überlieferung des Geschlechtes von väterlicher Seite fort. Wieder läßt sich in der Namengebung der Oettinger Adelsfamilie eine Ähnlichkeit zu den Truhendingern beobachten, die dem Erstgeborenen den staufischen Namen Friedrich, dem Zweitgeborenen den Namen Adelbert verliehen. In beide Familien wird durch Heirat mit einer vornehmen staufischen Frau neuer Glanz und neues Herrschaftsbewußtsein eingebracht. Der soziale Aufstieg kommt in der Namengebung des Erstgeborenen nach staufischen Ahnen zum Ausdruck. Die Bevorzugung der Oettinger gegenüber den Truhendingern und ihre Begabung mit der Amtsgrafschaft über den eichstättischen Bannforst ergibt sich aus der doppelten Verwandtschaft der Oetttinger zu König Konrad III. über die mütterlichen Ahnen aus dem Haus der Staufer und der Grafen von Komburg. Daß diese These einer Verwandtschaft der Oettinger mit den Staufern, wofür auch Besitznachbarschaft und Besitznachfolge sprechen, nicht aus der Luft gegriffen sein kann, auch wenn sie eines urkundlichen Beweises entbehren muß, bezeugt doch auch das Vorkommen der Namen Eberhard und Mechthild in der ersten oettingischen Generation. Eberhard hieß ein Sohn des Ludwig von Westheim und der Meregard, Mathilde = Mechthild eine Tochter (73). Sie waren Geschwister jener unbekannten Stauferin, die Konrad von Wallerstein heiratete. Nach dem staufischen Onkel Eberhard (genannt um 1110) könnte Eberhard, der Bruder Ludwigs I. von Oettingen, und nach der staufischen Tante Mathilde könnte Mechtild benannt worden sein, die Konrad von Seefeld heiratete und Mutter der um 1141 genannten Gisela von Seefeld war (74).
Über den oettingischen Stammvater Konrad von Wallerstein und seine unbekannte staufische Frau, die Tochter Ludwigs von Westheim, scheint aber auch die Brücke einer Blutsverwandtschaft zwischen den Truhendingern und den Grafen von Oettingen geführt zu haben. Über eine frühe Verwandtschaft dieser beiden Edelgeschlechter liegt ein schriftliches Zeugnis vor. Am 13. Juni 1288 beauftragte Papst Nikolaus IV. den Bischof Reinboto von Eichstätt, dem Grafen Friedrich VI. Von Truhendingen und Agnes, der Tochter weiland des Grafen Ulrich von Wirtemberg, Dispens zu er-teilen, damit sie, obwohl sie im vierten Grad blutsverwandt sind, und Graf Friedrich mit dem früheren Mann der Agnes, dem Grafen Konrad von Oettingen, in ähnlicher Weise verwandt war, in ihrer Ehe, welche sie in Unkenntnis des Hindernisses geschlossen und in der sie schon mehrere Kinder erzeugt haben, bleiben können (75). Hier wird also eine Blutsverwandtschaft zwischen Friedrich von Truhendingen (genannt 1253, regiert von 1274 - 1290) und Konrad III. von Oettingen (gestorben 1279) angesprochen. Wenn hier in dem Register des Papstes Nikolaus IV. von einer Ver-wandtschaft in "ähnlicher Weise" (simili gradu) die Rede ist, muß angenommen werden, daß der genaue Verwandtschaftsgrad nicht mehr bekannt war oder nicht beachtet wurde, aber etwa dem der Agnes mit ihrem zweiten Gemahl Friedrich von Truhendingen entsprach. Gehen wir von der Zeit um 1250 aus, in der Konrad III. von Oettingen und Friedrich VI. Von Truhendingen urkundlich nachweisbar sind, und rechnen in den Stammtafeln vier bis fünf Generationen zurück, so kommen wir in die ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der sich gemeinsame Ahnen der beiden Familien ergeben. Für diese Zeit hat auch Frau Dr. E. Grünenwald eine eheliche Verbindung Ludwigs I. von Oettingen mit einer Truhendingerin vermutet (76).Es wäre freilich zu erwägen, ob nicht diese Verwandtschaft zwischen den beiden Geschlechtern durch Konrad von Wallerstein und seine unbekannte staufische Frau - Tochter Ludwigs von Westheim und Meregard von Komburg - vermittelt wurde. Eine Tochter aus dieser Ehe, eine Schwester Graf Ludwigs I., könnte einen der urkundlich erstmals genannten Truhendinger Brüder Friedrich oder Adelbert geheiratet und so eine Verwandtschaft zwischen den Oettingern und den Truhendingern in die Wege geleitet haben. Konrad von Wallerstein stand auch dem Truhendinger Haus sehr nahe. Wir finden ihn 1130 als Zeuge in jener Urkunde, in der die truhendingischen Brüder Adelbert, Friedrich und Siegfried ihre mittelrheinischen Güter an den Erzbischof Adelbert von Mainz verkaufen (77).

 
 
 
 
 
 Anmerkungen
Abkürzungen:
Hei = Franz Heidingsfelder, Die Regesten der Bischöfe von Eichstätt, Erlangen 1938
Englert = Sebastian Englert, Geschichte der Grafen von Truhendingen, Würzburg 1885
AG = Alt - Gunzenhausen
GHB = Gunzenhäuser Heimat- Bote
68 Dieter Kudorfer, Das Ries zur Karolingerzeit, in Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Band 35, 1970, Heft 2, S. 501
69 Wie Anmerkung 4 (Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 1975, S. 153/154
70 Hansmartin Decker-Hauff, Das Staufische Haus, in "Die Zeit der Staufer" Band III, S.347
71 Über den Namen Ludwig im staufischen Haus siehe Anmerkung 70. Heinz Bühler, in Ho-henstaufen, S. 36 (Nachtrag), Göppingen 1977
72 Hansmartin Decker-Hauff, Konrad III. und die Komburg, in Württemberg - Franken 1978, S. 3 bis 12
73 Hansmartin Decker-Hauff, Das Staufische Haus, in "Die Zeit der Staufer" Band III, Stutt-gart 1977, S. 347/348
74 Hei. Nr. 358
75 Hei. Nr. 1041; Weller, Hohenloher Urkundenbuch Band I, S. 492, Nr. 16
76 E Grünenwald, Das älteste Lehenbuch der Grafschaft Oettingen, 1975, Stammtafel und S. 111 Anmerkung 546
77 Siehe Anmerkung 54
 

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