Zur frühen Geschichte der Edlen von Truhendingen im Hahnenkamm  
 (Fortzsetzung) 
 
 Der Name Siegfried des Würzburger Bischofs 
 
 

Von 1146 bis 1150 war die Würde des Bischofs von Würzburg einem Angehörigen des Truhendinger Adelshauses namens Siegfried anvertraut. Seine Zugehörigkeit zum Edelgeschlecht der Truhendinger ergibt sich aus einer Urkunde vom Jahr 1130, wonach Erzbischof Adelbert I. von Mainz für sein Domkapitel von den Brüdern Adel-bert und Friedrich von Truhendingen Güter in Sulzheim (Kreis Oppenheim), in Cigerenhusen (wüst bei Münsterappel, Bezirksamt Rockenhausen in der Pfalz) und in Brunichenwillre = Breunigweiler, ebendort, kauft. In der Urkunde wird Siegfried als Propst von Würzburg und Bruder der beiden truhendingischen Brüder Adelbert und Friedrich bezeichnet (54). Ein weiterer Nachweis als Angehöriger der Truhendinger Adelsfamilie liegt für Bischof Siegfried aus dem Jahr 1151 vor (55). Vor seiner Wahl zum Bischof von Würzburg war er dort Domkanoniker und Propst von Neumünster (56). Die Anwesenheit des ersten staufischen Königs Konrad bei der Wahl läßt vermuten, daß ihm der Truhendinger Siegfried, der ja aus seinem Verwandtenkreis stammte, als zuverlässige Persönlichkeit erschien, als Mann seines Vertrauens. Die staufische Erwerbspolitik war ja zur Zeit Konrads III. (1138 - 1152) in Richtung Würzburg gerichtet. Das Land an der Tauber und um den mittleren Main spielten der staufischen Reichsplanung eine bedeutende Rolle (57). Mit der Erhebung Siegfrieds von Truhendingen auf den Würzburger Bischofsstuhl konnte Konrad III. sicher sein, daß durch das Wirken eines ihm blutsverwandten geistlichen Reichsfürsten auch sein Wille in seiner staatlichen Planung und Führung ausgestrahlt wurde. Das Beispiel des Würzburger Bischofs Friedrich verdeutlicht, wie sehr die staufischen Herzöge und Könige beim zielstrebigen Aufbau eines Königslandes sich ihrer Verwandten bedienten. Ihrem Familienangehörigen auf dem Würzburger Bischofsthron verdanken die Truhendinger wohl auch ihre späteren Machtpositionen im Raum Leutershausen - Colmberg - Burgbernheim (58). Wir wollen hier nicht den wirtschaftlichen und politischen Grundlagen der Truhendinger Herrschaft außerhalb unseres heimatlichen Bereiches nachgehen, sondern unsere Aufmerksamkeit vor allem auf den Rufnamen Siegfried lenken, den der Würzburger Bischof führte. Er ist der Name einer bedeutenden Gestalt aus der germanisch - deutschen Heldensage.
Ist das nun ein Zufall, daß ein Angehöriger der Truhendinger Edelfamilie Siegfried genannt wurde, oder haben die Eltern des Bischofs den Namen bewußt für ihren Sohn gewählt? Namengebung bei mittelalterlichen Adelsgeschlechtern konnte nicht einfach Sache des Wohlklanges, des Zufalls oder irgendwelcher augenblicklichen Laune des Vaters oder der Mutter sein, wie das heutzutage oft der Fall ist. Sie war vielmehr eingebunden in das Ahnen- und Sippenbewußtsein, das überliefertes Namengut bedeutender Vorfahren von Generation zu Generation bewahrte und das erst aufgegeben wurde, wenn durch blutsmäßige Verbindung der Glanz und das Ansehen eines höherstehenden Geschlechtes in die Familie getragen wurde. Daß der Name Siegfried aus Liebe und Verehrung zu dem erschütternden Heldenepos des Nibelungenliedes von den truhendingischen Eltern gewählt wurde, so wie man heute oft nach einer Romanfigur oder nach einem Star aus Film und Fernsehen Kinder benennt, wird man für diese Zeit, in der der Würzburger Bischof Siegfried lebte, kaum annehmen können. Das Nibelungenlied trat in seiner künstlerisch - dichterischen Formung und in seiner für die höfisch - ritterliche Gesellschaft leitbildartigen Prägung erst etwa hundert Jahre nach der Geburt des Würzburger Bischofs in die Öffentlichkeit und erreichte sogleich hohen Ruhm, der erst gegen Ende des Mittelalters verklungen ist (59). Und doch scheint es kein Zufall zu sein, daß die Eltern des Würzburger Bischofs aus der Edelfamilie der Truhendinger den Namen Siegfried für ihren Sohn wählten. Die Stoffe zu dieser genialen Dichtung waren schon früher bekannt und wurden als haus- und sippengebundene Literatur bei manchen Adelsfamilien gehütet. Da lebte schon fünfzig Jahre vor Siegfried ein Bamberger Bischof, der trug den Namen der Burgunderkönige Gunther. Von ihm klagten die um sein Seelenheil besorgten Zeitgenossen, daß er sein Herz mehr an die Heldensagen von Attala (Attila) und Amalung (Dietrich von Bern) hängte als an die Kirchenväter (60). An manchen Höfen der hohen geistlichen Herren im Mittelalter wurde noch lange Zeit dem Heldenlied und Heldensagenspiel gehuldigt. Von unserem Bischof Siegfried von Würzburg, einem Angehörigen des Hauses Truhendingen, wird Derartiges nicht überliefert, aber sein Name Siegfried zeugt davon, daß er aus einer Familie hervorgegangen war, die einmal nibelungische Tradition pflegte. Von dem mit ritterlichen Idealen und höfischen Lebensformen durchwirkten Nibelungenlied, wie es um 1200 wahrscheinlich von dem Kapellan Meister Konrad von Passau in so großartiger, alle Leidenschaften aufrüttelnden und erschütternden Art gedichtet worden ist, wußte die Generation des Würzburger Bischofs noch nichts, wohl aber kannte sie schon die "alten Maeren", die nibelungischen Sagenstoffe, die von der Völkerwanderungszeit an vor und außerhalb der Dichtung die Jahrhunderte durchlebten, immer wieder zersungen und zermürbt, neu ausgebaut und beseelt wurden und so eine Art "geprägte Form" darstellten, die "lebend sich entwickelte". Diese nibelungischen Sagenkreise bildeten die Quellen, aus denen der Passauer Dichter des Nibelungenliedes schöpfte. Er nennt sie "alte Maeren". Darum beginnt ja das Nibelungenlied:

    "Uns ist in alten maeren wunders vil geseit
    von helden lobebaeren, von grozer arebeit."

Die moderne Forschung spricht von der Nibelungentradition, die in einzelnen Adelsfamilien des Mittelalters mit besonderer Liebe gepflegt wurde. Die Anhänglichkeit an die alten Sagen schlug sich in der Namengebung nieder. Man nannte die Söhne Siegfried, Gunther, Giselher, Hagen, die Töchter Kriemhild, Ute und Brunhilde. Da nun in der Truhendinger Edelfamilie schon beim ersten urkundlichen Auftreten um 1129 ein Angehöriger den Namen Siegfried führte, darf vielleicht vermutet werden, daß die Nibelungentradition durch die Heirat eines Truhendingers mit der Tochter aus einer mittelrheinischen Adelsfamilie vermittelt wurde, die der Nibelungenüberlieferung besonders verbunden war. Einen Nachweis darüber gibt es natürlich nicht, aber die Begüterung der Truhendinger in Sulzheim (Kreis Oppenheim), in Cigerenhusen und Breunigweiler in der Pfalz, Besitz, der um 1130 an das Domkapitel in Mainz überging (61), könnte auf eine derartige, in der nibelungischen Überlieferung fußende mittelrheinische Familie zurückgehen. Englert, der Bearbeiter der Geschichte der Grafen von Truhendingen, nahm diese frühen Besitzpositionen in der Pfalz zum Anlaß, Rheinfranken als die Wiege des Truhendinger Geschlechtes zu bezeichnen. Von dort sei es um 1050 mit der Vogtei über die Klöster Solnhofen und Heidenheim von der Reichsabtei Fulda betraut worden und damit in das Ries und den Gau Sualafeld verpflanzt worden (62). Diese Meinung von einem fuldischen Auftrag an die Truhendinger zur Bevogtung des entlegenen Kirchengutes im Ries und um den Hahnenkamm und einer damit verbundenen Verlegung ihres Wirkungsfeldes um 1050 von Rheinfranken nach dem Ries würde man höchstenfalls für das fuldische Kloster Solnhofen annehmen dürfen. Mit der Vogtei über das eichstättische Kloster Heidenheim konnten die Truhendinger erst nach der Reform um 1150 vom Bischof von Eichstätt betraut werden. Zudem erscheint es unwahrscheinlich, daß man die Vögte von so weit her holte, man wählte sie meist aus dem Kreis benachbarter heimischer Adeliger. Wahrscheinlicher erscheint die These, daß die Truhendinger schon vor 1050 im Ries heimisch waren und durch staufische Begünstigung im Zuge einer zielstrebigen Königslandpolitik die Vogtei über Güter beider Klöster erhielten. Der Name Adelbert in der Forstschenkungsurkunde von 1053 spricht dafür (63). Die frühen Besitzpositionen in Rheinfranken scheinen durch Heirat eines Truhendingers mit einer Tochter aus einer Familie mit nibelungischer Tradition vom Mittelrhein eingebracht worden zu sein.
Freilich muß bedacht werden, daß der Name Siegfried auch aus der staufischen Verwandtschaft stammen könnte. Wenn die Staufer aus der im Kraichgau, im Wiener Becken und im Salzburgischen begüterten Großfamilie der Sieghardinger hervorgegangen sind (64), wäre die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß die Nibelungentradition über die staufische Verwandtschaft in die Truhendinger Familie drang. Die frühen Sieghardinger bevorzugten für ihre Söhne und Töchter nibelungische Namen wie Siegfried, Sieghard, Sigismund, Alberich, Kriemhild, Gunther. Sie brachten die Nibelungentradition vom mittleren Rhein nach Bayern mit (65). Von 987 - 1016 erscheint ein Riesgraf Sieghard zusammen mit einem Grafen Friedrich (66). Es wäre denkbar, daß der Name Siegfried in der Truhendinger Familie noch an die Verwandtschaft mit den frühen Staufern und deren Vorfahren, den Sieghardingern, erinnert.

 
 
 
 
 
 Anmerkungen
Abkürzungen:
Hei = Franz Heidingsfelder, Die Regesten der Bischöfe von Eichstätt, Erlangen 1938
Englert = Sebastian Englert, Geschichte der Grafen von Truhendingen, Würzburg 1885
AG = Alt - Gunzenhausen
GHB = Gunzenhäuser Heimat- Bote
54 Stimming, Mainzer Urkundenbuch I Nr. 566, Englert Nr. 146 und S. 123
55 Englert, Nr. 146
56 Alfred Wendehorst in Germania Sacra N. F. Die Bischofsreihe bis 1254, S. 152
57 Kuno Ulshöfer, Kloster Schäftersheim, S. 11 bis 19; Karl Bosl, Würzburg als Reichsbistum, in Festschrift zum 70. Geburtstag von Theodor Mayer, Band I, S. 161 bis 181, Konstanz 1954
58 Englert S. 135
59 Zur germanisch - deutschen Heldensage, in Wege der Forschung, Band 14, Darmstadt 1965B 60 Emil Ploß, Bamberg und die deutsche Literatur im 11. und 12. Jahrhundert, in Jahrbuch für fränkische Landesforschung, Band 19 (1959), S. 278
61 Siehe Anmerkung 54
62 Englert S. 140/41
63 Hei. Nr. 196
64 Hansmartin Decker-Hauff, Das Staufische Haus, Stauferkatalog Band III, S. 341 ff.
65 Reinhard Wenskus, Wie die Nibelungen - Überlieferung nach Bayern kam, in Festschrift für Karl Bosl, (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte Band 36, Heft 2, 1975, S. 432 ff.
66 Hansmartin Decker-Hauff, Das Staufische Haus, Stauferkatalog Band III, S. 342/343
 

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