Zur Geschichte Ober- und Unterwurmbachs
Unterwurmbach im Mittelalter
 
 
 St. Jobst, Siechen- oder Pilgerkapelle? 
 
 

Man hat erkannt, dass St. Jobst vielfach als Patron der Siechenhäuser erscheint. Die Ursache dürfte wohl darin liegen, dass der Name Jost (lat. Jodocus) von dem Namen Job (für Hiob) beeinflusst wurde und dass dadurch auch die ihm zugeschriebene Funktion in engste Verwandtschaft mit Hiob, dem Typus des Aussätzigen, gelangte. Ein Beispiel bietet in Nürnberg eine alte Kirche an der ehemaligen Handelsstraße nach Eger, die dem heiligen Jobst geweiht und mit der ein Siechkobel verbunden war. Auch in Unterwurmbach hat man die Kapelle St. Jobst mit den Siechen in Verbindung gebracht. Lässt sich dieser Zusammenhang bestätigen? Durch Unterwurmbach und Gunzenhausen führte die bedeutende mittelalterliche Handelsstraße von Nürnberg nach Ulm und Genf. Diese Straße vermittelte im 15. und 16. Jahrhundert die starken Wirtschaftsinteressen der Stadt Nürnberg mit den Genfer Messen und nach deren Niedergang mit den Messen in Lyon. Sie erhielt deshalb auch den Namen Messestraße, wobei sie natürlich nicht etwa nur zur Zeit der bedeutenden Messen in Nördlingen, Genf und Lyon benutzt wurde, wenn auch vor und nach diesen Festen ein gesteigerter Verkehr auf diesem Fernhandelsweg alljährlich zu verzeichnen war. Von Nürnberg über Ulm besaß diese Messestraße mit der Spülgenstraße nach Mailand gemeinsame Spur bis Ravensburg, wo 1385 ebenfalls eine dem heiligen St. Jodokus geweihte Kirche errichtet wurde. Die Wirtschaftsbeziehungen der Nürnberger, der oberschwäbischen und der Schweizer Städte entlang dieser Straßen hatten sich längst über Südfrankreich nach Spanien und Portugal ausgedehnt und einen ständigen Warenaustausch bewirkt. Die Reisenden verstanden es vorzüglich, Geschäftsreise, Verwandtenreise und Pilgerfahrten nach den berühmten Wallfahrtsorten von Kloster Einsiedeln und zum heiligen Jakob von Santiago de Compostela in Spanien miteinander zu verbinden. Durch den bedeutenden Handelsverkehr auf dieser Stra&slig;e wurden nicht allein die Ennahmen der Zollstationen Gunzenhausen und Unterwurmbach vermehrt,der Durchzug von Kaufleuten und Pilgern brachte auch erweiterte Verdienstmöglichkeiten für die einheimischen Fuhrleute, Handwerker und Wirte mit sich. Angesichts der allgemein schlechten Straßenverhältnisse mussten laufend Wagner, Schmiede, Zimmerleute (Altmühlbrücke) und Sattler zu Reparaturen herangezogen werden.
Andererseits brachte die Fernhandels- und Pilgerstraße (Messestraße) natürlich auch fremde Leute und damit ansteckende Krankheiten ins Land. So ist es kein Zufall, dass an dieser Straße von Unterwurmbach bis Gunzenhausen eine Reihe von Flurnamen und Flurdenkmälern mit ihr in unittelbarem Zusammenhang steht (Martersäule an der Altmühlbrücke, Schenkenkreuz, bei den Siechen, Galgen). Um das Einschleppen ansteckender Krankheiten zu verhindern, hatte an dieser Straße in der Nähe der Altmühlbrücke die Stadt Gunzenhausen ein Haus für die Siechen errichtet, das schon in den ältesten Ellwanger Lehenbüchern um 1360 erwähnt wird. Es war wohl zum Schutz gegen die Verbreitung der Miselsucht gedacht, einer Krankheit, die in Ägypten ihren Ursprung hatte, nach Asien und Griechenland verschleppt und hier wegen des schuppigen Ausschlages Lepra (Aussatz) genannt wurde. Der Aussatz war in Westeuropa schon vor den Kreuzzügen bekannt. Die Meinung, dass er durch sie eingeschleppt wurde, ist also nicht ganz richtig. Doch haben Kreuzzüge und Pilgerfahrten gewiss zur starken Verbreitung beigetragen. In den Städten ist man mit den Aussätzigen nicht gerade rücksichtsvoll umgegangen. Die "sundersiechen", die "abgesonderten Kranken", wurden genötigt, die gesunden Menschen zu meiden. Man fürchtete die Ansteckung und beschönigte die Hartherzigkeit damit, dass man die Krankheit als eine von Gott geschickte Strafe erklärte. Das Siechhaus oder der Siechkobel lag am Rand oder vor der Stadt. Auch die Stadt Gunzenhausen versuchte, die vom Aussatz Befallenen, die sich von Süden her auf der alten Messestraße dem Ort näherten, schon jenseits der Altmühl abzufangen, noch bevor sie die Altmühlbrücke betraten. Dort muss sich noch auf der Gunzenhäuser Markung das älteste Siechenhaus befunden haben. Wann es errichtet wurde, ist nicht bekannt. Vielleicht entstand es erst im 14. Jahrhundert, denn in der Regierungszeit Karls IV. (1348-1378) hat sich der Schwarze Tod, die aus dem Orient eingeschleppte Beulenpest, mit unwiderstehlicher Wucht verbreitet und ist aus den Mittelmeerländern auch nach Deutschland vorgedrungen. Sie forderte vor allem in den dichtbewohnten, unsauberen Gassen der Städte bei dem völligen Mangel hygienischer Kenntnisse namenlose Opfer. Die Geißlerfahrten, religiös-asketische Bittprozessionen zur Abwendung der herannahenden Pest, trugen erst recht zur Verbreitung der Pestkeime von Land zu Land bei. So fürchtete man auch in Gunzenhausen ein Herannahen der Seuche auf der aus den Mittelmeerländern heranführenden Messestraße und errichtete vor der Altmühlbrücke ein Siechenhaus, wenn man dort nicht schon vorher einen Siechkobel für Aussätzige annehmen darf.
Da nun an der gleichen bedeutenden Fernhandelsstraße nach dem Süden in Unterwurmbach die St.-Jodokus-Kapelle liegt, brachte man das Siechenhaus in Gunzenhausen und die Jodokuskapelle in Verbindung und erklärte sie als die Kirche für die Siechen in Gunzenhausen. Man fragt sich allerdings: Wie sollten die Siechen bei der weiten Entfernung vom Siechkobel an der Altmühlbrücke bis zur St.-Jodokus-Kapelle in Unterwurmbach abgesondert sein? Siechenhaus und Siechenkapelle erforderten doch wohl ein nahes räumliches Beisammensein ähnlich wie das mittelalterliche Spital und die Spitalkirche.
Der Kapelle des heiligen Jobst in Unterwurmbach wird man doch im ausgehenden Mittelalter eine andere Bedeutung zuschreiben müssen. Der heilige Jobst galt nämlich zu jener Zeit nicht nur als Schutzheiliger der Siechen, er war auch vor allem Patron der Pilger, Schiffer und der Feldfrüchte. Als Patron der Feldfrüchte war er bei den Unterwurmbacher Bauern willkommen, aber seine Funktion als Heiliger der Kapelle verdankt er doch wohl der alten, in die Ferne führenden Messestraße nach Welschland. Die Kapelle war in erster Linie als Betstätte für die durch Unterwurmbach ziehenden und dort auch übernachtenden Pilger und Fuhrleute gedacht. Sie liegt genau an jener Straßengabel, wo sich die alte Straße nach Nördlingen und die nach Wassertrüdingen und Dinkelsbühl, Ellwangen und weiter nach Gmünd führende Straße trennen. Dazu muss noch die von Feuchtwangen über Ried nach Wurmbach über Wald an die Altmühlfurt heranführende Straße beachtet werden. Es ist bekannt, dass die Fuhrleute in den Gasthäusern (Schenken) von Unterwurmbach gern einkehrten und dort auch Herberge nahmen. Die Stadt Gunzenhausen betrachtete mit einer gewissen Missgunst die Geschäfte der Unterwurmbacher Wirte im Beherbergungsgewerbe. Sie erreichte im Jahr 1511 beim Burggrafen von Nürnberg einen Vertrag mit Gilg von Muhr, der 1489 die Schenkstatt als Lehen von Ellwangen elhalten hatte. In diesem Vertrag wurde bestimmt, dass die Wirte zu Unterwurmbach keine Fuhrleute vor Untergang der Sonne beherbergen dürfen. Einen von Gunzenhausen in Richtung Unterwurmbach fahrenden Fuhrmann durften sie überhaupt nicht mehr beherbergen. Man wollte den Unterwurmbacher Wirten nur das Geschäft mit den einheimischen Bauern lassen. Diese Maßnahmen werfen ein Licht auf die wirtschaftliche Bedeutung der alten Messestraße für Unterwurmbach, auf der die Grafen von Oettingen bis zum Schenkenkreuz (nicht Schenkelkreuz!) das Geleitsrecht ausübten. Im Hinblick auf diese bedeutende Fernstraße wird wohl auch die Kapelle St. Jobst als Einkehrkapelle für durchreisende Fuhrleute und Pilger errichtet worden sein. Wirtschaft und Religion waren im Mittelalter enger verbunden als heutzutage.

 
 
 
Fortsetzung