Zur Geschichte Ober- und Unterwurmbachs
Unterwurmbach im Mittelalter
 
 
 Zur Geschichte der Pfarrei 
 
 

Unser heutiges lückenloses Pfarreinetz ist das Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklung. Neben sehr alten Pfarreien, deren Gründung zumindest in die Karolingerzeit zurückgeht, stehen jüngere, die erst in späteren Jahrhunderten aus den großen Sprengeln alter Urpfarreien abgespaltet wurden. Unterwurmbach wurde erst im vorigen Jahrhundert selbständige Pfarrei. Bis dorthin gehörte es der alten Urpfarrei Gunzenhausen an, über deren Anfänge allerdings völliges Dunkel gebreitet liegt. 823 wird wohl das Kloster erwähnt, nicht aber die Pfarrei. Die Vermutung der Gunzenhäuser Lokalhistoriker, dass die Pfarrei Gunzenhausen von der Reichsabtei Ellwangen ins Leben gerufen und von dort verwaltet wurde, wird wohl der Wahrheit am nächsten kommen. Noch im 13. Jahrhundert war Ellwangen der Eigenkirchenherr in Gunzenhausen. Zum Sprengel der mittelalterlichen Urpfarrei Gunzenhausen gehörten die Orte Gunzenhausen, Laubenzedel, Unterwurmbach, Oberwurmbach, Schlungenhof, Sinderlach, Oberasbach und Obenbrunn, im wesentlichen also jene Orte, in denen Ellwangen begütert war. Mit der zunehmenden Volksfrömmigkeit des ausgehenden Mittelalters entstanden auch in den größeren Siedlungen alter Pfarrsprengel Gotteshäuser, mit denen allerdings oft lange keine Pfarrrechte verbunden waren. Tauf- und Begräbnisrecht blieben manchmal beharrlich bei der alten Mutterkirche.
In Unterwurmbach wird 1520 eine Kapelle erwähnt, die dem heiligen Jobst geweiht war. Schon 1505 wird in den Ellwanger Lehenbüchern ein Lehen bei St. Jobst genannt. Es erhebt sich nun die Frage: Wie kommt die Kapelle zu Unterwurmbach zu diesem Heiligen? Zunächst muss hier festgehalten werden, dass der heilige Jobst sprachlich nicht etwa mit dem heiligen Jakobus gleichgesetzt werden darf, dem galiläischen Fischer und Bruder des Johannes, der nach der Legende in Spanien gepredigt haben und dessen Leib am 25. Juli dorthin gebracht worden sein soll. Dieser Jakob der Größere findet sich gern als Schutzheiliger von Kirchen an bedeutenden Fernstraßen, in denen Pilger einkehrten, die auf Wallfahrten nach Santiago de Compostela in Spanien gingen. Auch in der Kirche zu Unterwurmbach soll sich auf einem verschwundenen Altar ein Bild des heiligen Jakobus mit Pilgerstab und Muschel befunden haben, wenn man hier nicht an den heiligen Jodokus in Pilgertracht denken will. Die Gestalten beider Heiliger fließen in der Volksvorstellung oft zusammen. Merkwürdig ist das benachbarte Auftreten von Jakobus und Jodokus in Ornbau als Kirchenheilige.
Die lateinische Form Jodokus des ursprünglich griechischen Namens Iodokos wurde im Französischen zu Josse und ist von dort als Jost in das Deutsche eingedrungen. Der heilige Jodokus (Jost, Jobst) gehört nicht zu jenen Heiligen, die schon sehr früh in der gesamten Kirche allgemeine Verehrung genossen und zum Heiland selbst in nahen Beziehungen standen wie etwa Maria, Johannes der Täufer, die Apostel Petrus, Andreas oder Jakobus. Er darf auch nicht in jenen Rang eingestuft werden, den etwa der Erzmätyrer Stephanus oder der Erzengel Michael oder der Diakon Laurentius und der heilige Georg erhielten. Seine Verehrung beginnt erst im ausgehenden Mittelalter sich von den alten Kultstätten aus dem Eifel-Mosel-Raum (St. Prüm, St. Maximin in Trier und in Walberberg bei Bonn) nach Deutschland auszubreiten. Gewiss wurde sein Kult in diesem Raum schon früh gepflegt. So wurde z. B. in Walberberg (Landkreis Bonn) das alte Jodokus-Patrozinium durch Überführung von Reliquien der heiligen Walburgis und Errichtung einer Kirche schon um 1050 zu Ehren unserer Heidenheimer Heiligen verdrängt. Der Kult des heiligen Jost wurde durch das deutsche Königsgeschlecht der Lützelburger (Luxemburger), das im Westen des Reiches ansässig war, aber seine Wirksamkeit im Osten entfalten sollte, neu belebt und in seinem Einflussbereich in Böhmen und Mähren verbreitet. Mit den Lützelburgern, deren bedeutendste Vertreter Kaiser Heinrich VII. (1308-1313) und Kaiser Karl IV. (1347-1378) in französischem Geist und Gelehrsamkeit erzogen wurden, begann im Abendglanz des Rittertums ein böhmisches Zeitalter deutscher Geschichte. Von Karl IV. ist bekannt, dass er ein eifriger Reliquiensammler und Klostergründer war. Mit den Lützelburgern wanderte auch die Verehrung des heiligen Jost von Frankreich her nach Osten.
Stellt man nun die Frage, zu welcher Zeit des Patrozinium des heiligen Jost, der ja auch Schutzheiliger für Feldfrüchte, Schiffer und Pilger war, nach Unterwurmbach kam, so wird man hier wohl jene Epoche annehmen dürfen, als die alte Urpfarrei Gunzenhausen im Besitz des Klosters Himmelthron war. Das Kloster als Eigentümer der Pfarrei hat sicher einen entscheidenden Anteil an der kirchlichen Entwicklung in seiner ihm gehörigen Pfarrei genommen und bestimmt, welchem Heiligen die Kapelle in Unterwurmbach zum Schutz empfohlen wurde. Das Nonnenkloster des grauen Ordens der Zisterzienserinnen Himmelthron verdankt seine Entstehung dem frommen Willen der Gräfin Kunigunde von Orlamünde, einer geborenen Gräfin von Leuchtenberg. Sie ließ es als Werk echter Frömmigkeit nicht zuletzt zu ihrem Seelenheil errichten und trat selbst in das Kloster ein. Mit der Ausführung der Gründung wurde der Nürnberger Schlutheiß Konrad Groß beauftragt, der wenige Jahre zuvor das Heilig-Geist-Spital in Nürnberg ins Leben gerufen hatte. Konrad Groß hatte auch zunächst den Auftrag, das Kloster innerhalb des Heilig-Geist-Spitals in Nürnberg einzurichten. Es erwies sich aber diese Stiftung dort als unzweckmäßig, und so entschloß man sich 1348 zu einer Verlegung in die geräumige Burg Gründlach (heute Großgründlach bei Fürth), die die Gräfin 1343 als Witwensitz gekauft hatte. Konrad Groß starb 1356, erwirkte aber noch vorher einen Schutz- und Privilegienbrief Kaiser Karls IV., der dem Kloster alle Freiheiten und Immunitäten sicherte und bestätige. Es ist daher möglich, dass das Kloster bei der Wahl eines Patrons für seine ihm unterstehende Kapelle in Unterwurmbach auf jenen heiligen Jost zurückgriff, der bei Karl IV. im besonderen Ansehen stand und in jener Zeit bei dem Geschlecht der Lützelburger in Erinnerung an ihre lothringische Verwandtschaft und westliche Herkunft sehr beliebt war. So führte z. B. ein Enkel des Böhmenkönigs Johann, des Vaters Karl IV. den Namen Jost. Will man aber an eine besondere Beziehung des Klosters Himmelthron in Gründlach zu Karl IV. und den Böhmenkönigen nicht glauben, so muss man doch annehmen, das die allgemeine Beliebtheit dieses Heiligen in jener Zeit und insbesondere in Nürnberg der Anstoß für die Wahl zum Patron in Unterwurmbach war. Zweifellos wird aber hier der damalige Eigenkirchenherr, das Kloster Himmelthron in Großgründlach, einen entscheidenden Einfluss bei der Wahl geltend gemacht haben.

 
 
 
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