Elfhundert Jahre Ursheim und Appenberg 
 
 Heimatlandschaft um Ursheim-Appenberg 
 
 

Viele Menschen unserer Tage finden keinen rechten Gefallen mehr an ihrer Heimatlandschaft. Sie ist ihnen fremd geworden, weil die moderne Straße sie gefangen hält und das Auto oder gar das Flugzeug ihnen ermöglicht, ihre Sehnsucht in die Ferne zu stillen und entlegene Gegenden dieser Erde zu bereisen. Dazu strahlt allabendlich der "Duft der großen und weiten Welt" herein in die heimische Stube und führt den Menschen den Glanz und Glitzer fremder, grandioser Landschaften vor Augen, die man heute verhältnismäßig bequem und billig erreichen kann. Die Heimatlandschaft mit ihrer bescheidenen Formvielfalt, mit ihren vielen kleinen Wundern, mit ihrer schlichten Weite und Stille und ihrer Geschichte wird vielfach nur noch als Produktionsstätte, nicht mehr als Erlebnis- und Bildungsraum empfunden. Auf ein schönes Haus mit komfortablem Wohnraum legt man größten Wert, in seinen Garten steckt man viel Geld, um die schönen und teuren modischen Blumendamen, oft ausländischer Herkunft, bewundern und damit mit dem Nachbarn wetteifern zu können, aber draußen in Feld und Flur findet man kaum noch eine Kornblume, einen blutroten Mohn oder eine heilende Kamille. Kaum noch ein bunter Wiesenblumenstrauß steht am Sonntag auf dem Tisch, an dem sich einst die gesamte Familie erfreute. Es ist still geworden in unseren Fluren, fast beängstigend still und eintönig, doch nur für denjenigen, dessen Auge durch Sensationshunger, durch Politikdramatik und einseitiges Wirtschaftsdenken erblindet ist gegenüber der Natur und den vielen schlichten Schönheiten in Feld und Wald. Nicht jeder empfindet sie heute noch als schön, manche wollen sie nicht mehr sehen. Der moderne Mensch braucht Abwechslung; immer muss sich etwas rühren, bewegen, etwas ereignen. Sensationshunger ist eine von vielen Krankheiten unserer Zeit geworden. Stille, gemüthafte Betrachtung der heimischen Landschaft, das Hineinträumen und Erkennen ihrer schlichten Erscheinungen, das unseren Ahnen zu eigen war, weil sie sich fast täglich in Flur und Feld aufhielten, ist heute nur noch bei wenigen Menschen vorhanden. Der Dichter Joseph von Eichendorff reicht uns einen Zauberstab zum Erkennen jener kleinen Dinge in unserer heimatlichen Welt in die Hand, wenn er sagt:

 
 "Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort."
 
 

Wer als Fremder durch die Gemarkung von Ursheim und Appenberg wandert und sein Auge und vor allem sein Herz der Landschaft öffnet, der findet, dass auch nach 1100 Jahren, seit er ersten urkundlichen Erwähnung dieser Orte, noch ein Reichtum von ursprünglicher Formenvielfalt und wunderschöner Natur vorhanden ist, wie sie einem sinnigen Beobachter von Feld und Wald erfreuen kann. Wer die Gegend um Ursheim mit ihrem Formenreichtum und ihrer Schönheit erkennen will, muss weg von der Asphaltstraße, herauf auf den Schmiedsberg, der hoch über dem Ort thront. Hier oben erst erfasst ihn der Zauber dieser Landschaft, die zu seinen Füßen liegt. Die Rohrach, dieses muntere Höhenkind des Hahnenkamms, löst hier bei Ursheim die lieblichgrünen, fast romantisch anmutenden Fesseln, die ihm die harten Kalksteinschichten südlich Hechlingen bei der Stahlmühle angelegt haben und eilt bei Polsingen nun geruhsamer in die Freiheit und Weite einer Beckenlandschaft, die nur noch von sanft ansteigenden Randhöhen umsäumt wird. Ihr Wanderziel geht über die Wörnitz zur Mutter Donau und in das ferne Schwarze Meer. Wir können ihren Weg vom Schmiedsberg aus bis in das Ries verfolgen, in jene "große Bauernschüssel", wie diese fast kreisrunde Landschaft ein Dichter genannt hat. Aus einer gewaltigen, 25 Kilometer breiten Sternenwunde ist sie entstanden, als vor etwa 15 Millionen Jahren ein Riesenstein, ein Meteorit, aus dem Weltraum unweit von Nördlingen mit einer ungeheuren Geschwindigkeit eingeschlagen hat und explodiert ist. Man bewundert heute die großen erdgeschichtlichen Ereignisse draußen in der weiten Welt und denkt nicht darüber nach, dass hier vor der Haustüre Ursheims eine der großen kosmischen Katastrophen sich zugetragen hat. Darüber nachdenken darf man freilich nicht, will man nicht in Angst und Schrecken verfallen. Denn würde dieser Meteoriteneinschlag heute geschehen, wir müssten mitsamt unserem Hab und Gut in der Hitze verdampfen, in der Feuersglut würden ganze Berge schmelzen oder weit aus dem Einschlagskrater durch die Wucht der Detonation herausgeschoben und zertrümmert werden. Darüber nachzudenken, überlassen wir den Gelehrten, die sich seit Jahrzehnten mit allen Einzelheiten und Folgen dieses Geschehens beschäftigt haben. Aber in Ursheim und Appenberg sind noch steinerne Zeugen zu sehen, die den Beobachter auf Schritt und Tritt an diese fürchterlichste Katastrophe der Erde erinnern. Wir wenden uns wieder der schönen friedlichen Landschaft zu, die heute über dem grausigen Geschehen ferner Zeiten hier entstanden ist. Wir blicken hinab in das Rohrachtal. Drunten liegt das Dorf Ursheim mit fein herausgeputzten alten und neuen Häusern, lieblich eingebettet in ein grünes Gewinde von alten Gras- und Baumgärten, von alten Bäumen und Buschwerk, von Hecken und Ziergärten. Wieviele Generationen haben sich einst da unten um ihr tägliches Leben bemüht, wie viele haben oft vor den Unbilden der Witterung gezittert, wie viele haben gebangt um eine gute Ernte, die sie vor einem Hungerwinter bewahrte. Ihre Sorgen sind im Gefolge der Jahrhunderte verhallt, ihre Gebeine ruhen drunten bei Sankt Maria und Wunibald im Friedhof, niemand kennt noch ihre Schicksale. Vorbei ist das, längst vorbei. Das Dorf hat sich gewaltig gewandelt. Man hört nicht mehr das Krähen der Hähne, das Dengeln der Sensen, das Wiehern der Pferde, das Rauschen der Sicheln und Sensen im Ährenfeld, nicht mehr das Jauchzen fröhlicher Kinder, die über die Heuschober springen und so lebhaft teilnehmen an der Arbeit der Erwachsenen, bei denen sie auf Wiese und Feld geborgen waren. Über der Rohrach drüben "in schwarzen Landen" bewältigt ein einziger Mann mit seinem Mähdrescher eine Riesenernte von Weizen an einem Tag. Soweit das Auge blickt, bis hinüber zum Sachsenhard, dem großen Wald zwischen Ursheim und Megesheim im Ries, und hinüber bis Trendel dehnt sich eine ziemlich ebene, weitgeschwungene Getreide- und Maislandschaft, von geraden Feldwegen durchzogen, wie auf dem Reißbrett geplant, und überdeckt heute die vielen kleinen Linien der Äckerlein, die noch zu Großvaters Zeiten in den Boden "gezeichnet" waren. Nur wenige alte Bäume am Straßenrand nach Megesheim ragen träumend und bangend aus dem goldenen Meer der Weizen- und Gerstenfelder. Vom Bergershof bis nach Trendel hinunter zieht sich eine unendlich scheinende ertragreiche, waldfreie Getreidezone der Ursheimer Gemarkung. Diesseits der Rohrach auf dem Schmiedsberg und seinem Hinterland, am einstigen Döckinger- und Auernheimer Weg, steigt steiniges Gelände in mehreren Stufen fast terrassenförmig an. Die einst kargen, flachgründigen Böden waren in ältesten Zeiten dem Buchenwald überlassen oder wurden als Schaf- und Viehweide genutzt. Noch heute bedeckt viel Wald die steileren und steinigen Hanglagen gegen Döckingen und Polsingen hin. Am Döckinger und Auernheimer Weg wurden die Südlagen einmal gerodet und das Land unter die berechtigten Dorfgenossen verteilt. Heute dehnen sich auch hier nach der großen Flurbereinigung in den siebziger Jahren weite Getreide- und Maisfelder, wenn es "alle Brotzeit" regnet, und das Stroh braucht nicht mehr so lang sein wie zu Großvaters Zeiten.
Hier oben im Hinterland des Schmiedsberges hat Mutter Natur noch einigermaßen ihr liebliches Antlitz bewahrt, das den Naturfreund erfreut und begeistert, den Bauern allerdings weniger. An den Hängen, an denen kein Ackerbau möglich ist, entfalten Hecken ihre geheimnisvolle Welt. Hier grüßen Schwarzdorn und Weißdorn, Holunder und Haselbusch, Pfaffenhütchen und duftende Heckenrosen die alten Wetterfichten, die hier vom Sturm geschüttelt, sich in den harten Boden krallen und nun wie trutzige Recken in das Tal hinunterschauen. Und was heute selten ist: Eine Schafherde zieht friedlich grasend unter den riesigen Bäumen dahin. Die Tiere sorgen dafür, dass im Spätsommer am ungeteerten Feldweg die einst verhasste Distelwelt ihren vielfältigen, schön gestickten Zauber entfalten kann, weil sie das Gras um die stachelbewehrten Stauden wegfressen, das die jungen Stachelkinder in der Jugend überwuchern würde. Manche werden sicher diese wuchernde Wildnis beschimpfen, aber wo gibt es noch Raum für eine derartige Welt in unserer Heimat, wo der Mensch sich im Herbst an allerlei bunten Beeren erfreuen kann, wo das urtümliche Wunder von Blättern und Früchten und eigenartigen Pflanzengestalten den Spaziergänger sich erfreuen und staunen lässt über Gottes wunderbare Schöpfung? Über dem Schmiedsberg liegt noch ein Hauch vom Zauber einer alten Weidelandschaft, die im Mittelalter weit verbreitet war und wo viele Schmetterlinge sich tummeln konnten, auf Pflanzen, die gegen den Zahn der Weidetiere gewappnet waren. Sie musste längst der Flurbereinigung weichen. Ganz wunderbar und geheimnisvoll erscheinen für das Auge des Betrachters auch die Hecken- und Buschgruppen, die in der Röt terrassenförmig zum Bergershof ziehen. Aus ihnen tönen im Frühling Vogelstimmen, die wir heute als Signale eines gefährdeten Lebens empfinden müssen, das, würde es völlig verschwinden, unsere Fluren eintönig und trostlos erscheinen ließe.
Und wandern wir über den Bergershof hinab in das Appenberger Tal, so empfängt uns schöne Einsamkeit wie aus längst versunkenen Tagen. Hier gibt es auch einen Schmiedsberg, von dichtem Buchenwald überzogen. Tritt man aus dem Dunkel des Waldes, so fällt der Blick auf die kleinen Orte Ober- und Unterappenberg, die ebenfalls schon eine über tausend Jahre alte Vergangenheit durchlebt haben. Auch hier hat die große Flurbereinigung behutsam in die Landschaft eingegriffen. Zwar wurden auch viele kleinere Flurstücke zu größeren Komplexen zusammengelegt, aber Feld, Wiesen und Wald reichen sich hier noch in harmonischer Einheit die Hand. Reizvoll ist es, im Frühling, durch das stille Wald- und Bauernland von Ober- und Unterappenberg zu wandern, das nur wenig vom Verkehrslärm unserer Zeit durchtönt wird. Der Buchenwald zieht von den durch den Meteoriteneinschlag im Ries aufgeschobenen Kuppen bis tief in das Tal herab. Anemonenschwärme und Immergrün folgen seinen Spuren. Der Seidelbast, der rote Herold des Frühlings, duftet durch den Wald, ein Bussard jauchzt hoch in den Lüften, eine Wildtaube klatscht auf, irgendwo hämmert ein Specht. O schöne Einsamkeit im Hahnenkamm und ganz besonders im Appenberger Tal!

 
 
 
Fortsetzung