Elfhundert Jahre Ursheim und Appenberg 
 
 Appenberg, eine Sachsensiedlung im Hahnenkamm? 
 
 

Zwischen Megesheim im Ries, Trendel und Ursheim liegt ein größeres, ehemals fürstliches Waldstück, der Sachsenhard genannt. Es wird 1258 erstmals urkundlich erwähnt, als Adelheid, Tochter des Ritters Wolfram von Aurach und Witwe Brunos von Immeldorf, 300 Morgen Wald, den Sachsenhard, an die Deutschordenskommende in Oettingen schenkt. Im frühen Mittelalter (7.- 8. Jhd.) scheint das Waldgebiet um den Sachsenhard noch viel ausgedehnter gewesen zu sein, nicht gegen das altbesiedelte, fruchtbare Ries hin , wo der Boden schon immer für den Ackerbau genutzt wurde. Wohl aber mag sich damals der Sachsenhard über das Appenberger Tal nach Steinhard und zur alten Hüssinger und Hechlinger Mark erstreckt haben. Das geht aus den Flurnamen hervor, die an den Sachsenhard anschließen und auf Wald und Rodung hinweisen, wie Birkach, alte Heide, Heidfelder, Kreut, auf den Elmen (Ulmen), Stockach, Tannwald, Dornich, Buch, Rötfeld, u.a. Es hat den Anschein, dass beide Weiler Ober- und Unterappenberg im Tal als Rodungssiedlungen des frühen 9. Jahrhunderts entstanden sind. Das Grundwort -berg in dem Ortsnamen Appenberg kann über die frühe Entstehung der beiden Orte zur Aussage nicht herangezogen werden, da es auch im hohen und späten Mittelalter noch zur Ortsnamengebung verwendet wurde. Aber der Ort Appenberg wird urkundlich schon 899 und 910 erwähnt, folglich darf man annehmen, dass er in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstanden ist, wenn auch noch nicht zwischen Ober- und Unterappenberg unterschieden wurde. Der ziemlich hügelige Raum dieses ehemaligen Waldgebietes wird von einem Bächlein durchströmt, das zur Wörnitz hinabzieht und ein liebliches Tal ausgefurcht hat, in das sich heute die beiden Weilersiedlungen versteckt einschmiegen. Der Nahrungsraum für die beiden Weiler wurde auf die beiden Hanglagen durch Rodung des lichten Laubwaldes ausgeweitet. Wenn die beiden Orte im Tal liegen und trotzdem ihr Name das Grundwort -berg aufweist, so braucht hier kein Irrtum vorzuliegen, denn auch Talsiedlungen, die unterhalb eines Berges entstanden sind, können nach Bergen benannt sein.
Wann und auf welche Weise sind nun die beiden Appenberg entstanden? Eine Urkunde darüber darf man nicht erwarten, aber ein Name, falls er über ein Jahrtausend zurückreicht, kann oft einen Hinweis auf die geschichtliche Situation erbringen, aus der heraus der Ort angelegt wurde. Hier kommt uns sicherlich der Waldname Sachsenhard zu Hilfe. Sein zweiter Namenteil -hard braucht unser Gemüt nicht erregen. Er erscheint im Hahnenkamm fast in jeder Gemarkung und bezeichnet einen lichten Wald, wie er dazumal überall zugegen war, denn die hochgezüchteten, dicht zusammenstehenden Waldformen unserer Tage sind erst ein Produkt planmäßiger Bewirtschaftung des 18. und 19. Jahrhunderts, der es vor allem auf raschen Holzgewinn ankam, während der lichte Lohwald, aus dem man die Stockausschläge zu Brenn- und Zäunholz herausschlug, im Mittelalter auch vielfach als Weide für die Viehherden zu dienen hatte. Das Grundwort -hard hängt also mit der Herde zusammen und bedeutet: "lichter Weidewald".
Mehr Aufmerksamkeit erweckt im Waldnamen Sachsenhard dagegen der erste Namenteil. Er erinnert nicht an eine einzelne Person namens Sachs, sondern an den germanischen Voksstamm der Sachsen, die im heutigen Bundesland Niedersachsen und im Elbegebiet wohnten. Was aber haben diese Sachsen im fernen Norddeutschland mit der Gegend um Ursheim- Appenberg zu tun? Wie kamen sie in unsere Heimat? Ohne Zweifel berichtet der Waldname Sachsenhard von einem bedeutenden Ereignis der Geschichte aus der Zeit vor über tausend Jahren. Im 7. Und 8. Jahrhundert dehnten die fränkischen Könige ihren Machtbereich nicht nur bei uns in Süddeutschland weit nach Osten bis an die bayerisch- böhmische Waldschranke aus, sondern sie drangen auch in das Sachsenland ostwärts des Unter- und Niederrheins vor, um die dort noch zäh an ihren heidnischen Bräuchen hängenden Bewohner für den christlichen Glauben zu gewinnen. Besonders Karl der Große (768-814), der vielgerühmte Herrscher der Franken, gliederte mit Gewalt manchen der vielen Teilstämme, die ihrem Kult nicht abschwören wollten, in sein umfassendes Reich ein. Er griff zuletzt sogar gegen die widerspenstigen, an der Nordelbe wohnenden Nordalbinger zum Mittel der Vertreibung aus ihrer angestammten Heimat. Was wir in unserer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in schauderhaftem Umfang erleben mussten, das geschah in deutschen Landen schon vor 1200 Jahren. Die Sachsen an der unteren Elbe wurden nach alten Berichten durch den damaligen Frankenherrscher Karl aus ihrer Heimat entführt und in kleinen Gruppen über ganz Germanien und Gallien (Frankreich) verstreut auf Königsland angesiedelt. Da auch die waldreiche Gegend um Ursheim-Appenberg nach der Urkunde von 899 ehemaliges Königsland und noch unbesiedeltes Waldgebiet war, ist es denkbar, dass einer der um ihres Glaubens willen vertriebenen Sachsenfamilie der königliche Wald um das heutige Appenberg zur Rodung überlassen wurde. Ein Sachse mit dem Namen Appo - wohl ein Kurzname von Adelbert - wurde hier im Tal mit seiner Familie auf königlichem Grund und Boden angesiedelt und der Ort nach ihm Appenberg genannt. Wir wissen nicht, ob dies zuerst in Unter- oder Oberappenberg geschah, oder ob zwei Sachsenfamilien zu gleicher Zeit hier angesetzt wurden. Der Anfang für die Sachsensiedler war schwer, doch wir dürfen annehmen, dass sie im ersten Jahr mit Saatgetreide aus dem Königshof Ursheim versorgt wurden, denn der fränkische König brauchte diese Siedler, auch wenn sie fremde Sachsen waren und noch viele Jahre als solche galten. Der Wald, in dem die deportierten Sachsen angesiedelt wurden, erhielt den Namen Sachsenhard. Er allein behielt die Erinnerung an die Gründung Appenbergs durch die Sachsenfamilie die Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag. Es kann also, wenn auch nicht mit absoluter Sicherheit behauptet werden: Appenberg ist als fränkische Zwangssiedlung durch Verpflanzung sächsischer Familien entstanden. Dass Appenberg in unserer Hahnenkammheimat keinen Einzelfall darstellt, dafür bürgen die in der Nähe gelegenen Orte Roßmeiersdorf und Zirndorf. Dort wurden aber keine Sachsen angesiedelt, sondern nach dem Zeugnis der wissenschaftlichen Ortsnamenforschung slawische Siedler, ebenso in Windischhausen. Der fränkische König holte Menschen verschiedener Herkunft in die Wälder des Hahnenkamms, um hier seine Machtposition auszubauen. Die geschichtlichen Vorgänge dieser Umsiedlung, ihre Begleitumstände, auch die schweren menschlichen Schicksale, die damit verbunden waren, sind längst versunken im Strom der Zeit. Nur noch der Name Sachsenhard erinnert an sie. In einem einzigen Namen steckt oft eine ganze Welt von geschichtlichen Ereignissen.

 
 
 
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