Elfhundert Jahre Ursheim und Appenberg 
 
 Die Anfänge 
 
 

Die Gegend um den Hahnenkamm ist mit vielen Ortsnamen erfüllt, die in ihrem ersten Teil einen Personennamen enthalten, z.B. Polsingen = Zu den Leuten eines Bolso; Döckingen = Zu den Leuten eines Tacco; Hechlingen = Zu den Leuten eines Hachilo; oder: Heidenheim: Heim eines Heido; Degersheim = Heim eines Tegerich; Ursheim = Heim eines Urs. Es sind germanische Personennamen, die uns heute fremd anmuten, vor tausend und mehr Jahren aber allgemein gebräuchlich waren. Früher sah man in der Forschung in all diesen Leuten den Führer einer Sippe. Man ging von der Annahme aus, dass die in unsere Heimat zur Zeit der germanischen Landnahme (3.- 5. Jhd.) einwandernden Alemannen und nachfolgenden Franken in demokratischer Verfassung und in Sippenverbänden ankamen. Man konnte sich eine scharfe Gliederung der damaligen Gesellschaft in Herren und Knechte, in Freie und Unfreie nicht recht vorstellen und glaubte an die allgemeine Freiheit des altdeutschen Bauernstandes. Genossenschaften von gleichberechtigten Bauern, die sogenannten Gemeinfreien, hätten in Sippen das vorher römisch besetzte Land besiedelt und sogleich die großen Dörfer mit den Ortsnamen auf -ingen und -heim gegründet. Das offene Ackerland wäre gleichmäßig unter die gleichberechtigten Genossen verteilt und die Markgenossenschaften ins Leben gerufen worden. Aus der merkwürdigen Gemengelage der Felder in der sogenannten Gewannflur, wie sie vor der großen Flurbereinigung in den siebziger Jahren in Süddeutschland und auch in unserer Heimat verbreitet war, könne man noch das Werk der selbständigen Gemeinde erkennen, die zur Zeit der Landnahme nach dem Grundsatz der Gleichheit aller Markgenossen jedem sein Los an Grund und Boden zugewiesen habe. Ja einige Forscher gingen so weit zu glauben, in der Anlage der Gewannfluren und der Einrichtung der Markgenossenschaften den Zeitpunkt zu erkennen, da die Alemannen spontan vom Nomadentum zum Ackerbau und zum Grundeigentum übergingen.
Übertragen wir diese Ansichten der früheren Forschung auf unser Heimatdorf Ursheim, so müsste von Anfang an hier sich eine Sippe von freien Bauern unter ihrem Sippenführer namens Urs niedergelassen und das Land unter sich verteilt haben. Großdorf und Gemeinde mit ihren Einrichtungen wären von Anfang an dagewesen. Wesentliche Veränderungen in der Siedlungsstruktur wären seit der Gründerzeit der Ortschaft bis in die Neuzeit nicht mehr erfolgt.
Die neuere Forschung lehnt die Ansicht von den Sippendörfern und Markgenossenschaften ab. Man hat erkannt, dass sie ein Produkt romantischer Vorstellungen des 19. Jahrhunderts waren. Das Volk war keineswegs zur Zeit des frühen Mittelalters eine menschliche Masse, sondern in Stände gegliedert. Es gab zu jener Zeit eine Zahl von herrschenden Grundherrn, die über den Grund und Boden verfügten und diesen durch unfreie Leute, Knechte und Mägde, und durch behauste Taglöhner bewirtschaften ließen. Als Ausgangsbasis für die Entstehung unseres Ortes Ursheim dürfen wir uns keine fertige Dorfsiedlung, auch keine Gemeinde mit ihren Einrichtungen, auch keine zahlreichen Bauernhöfe vorstellen, sondern einen Einzelhof des Grundherrn namens Urs, dem Ortsgründer von Ursheim. Sein Wohnhaus war keinesfalls ein schönes Heim mit allem Komfort unserer Zeit. Hätte es sich bis auf den heutigen Tag erhalten, würde es uns primitiv, ja verwahrlost vorkommen. Es war aus Holzpfosten erbaut, die Wände bestanden aus einem Rutengeflecht. Zur Abdichtung wurden sie mit Lehm verschmiert. Unser Wort Wand erinnert noch an diese Bauweise mit gewundenen Ruten. Durch eine Luke im weit herabgezogenen Strohdach entstieg der Rauch ohne Kamin. Dieses Einraumhaus war noch nicht in Wohn-, Arbeits- und Schlafgemach unterteilt. Man hauste in dem dunklen, rauchgeschwärzten Raum zusammen mit den Haustieren, schlief auf ausgebreitetem Stroh mit Kind und Kegel und fristete den Winter hindurch ein jämmerliches Dasein und freute sich, wenn die Frühlingssonne wieder einen Aufenthalt im Freien gestattete. Und das war damals ein Herrenhaus für einen freien Mann. Um das Herrenhaus verstreut standen die armseligen Holzhütten der behausten Taglöhner, die auf dem Herrenhof zu arbeiten hatten. Sie konnten ihr trauriges Dasein nicht verbessern, denn sie waren Leibeigene und standen mit ihrer Arbeitskraft dem Herrn zur Verfügung, dem ringsum der Grund und Boden gehörte. So haben wir uns also die Anfänge von Ursheim vorzustellen: keine Ansammlung von selbständig wirtschaftenden Bauernhöfen, sondern einen Einzelhof einfachster Art mit Wohnstallhaus und Scheune, ringsherum die Hütten der unfreien Taglöhner.

 
 
  Kam Urs im Auftrag des fränkischen Königs?  
 

Zu der Zeit, da unser Ortsgründer mit dem Namen Urs seinen Herrenhof in Ursheim errichten ließ, hatten die Franken, der politisch aktivste und tüchtigste Führungsstamm der Germanen, ihren Machtbereich vom mittleren Rhein entlang dem Main und dem Neckar energisch ausgeweitet und kamen auch in unsere Heimat in das Ries und in den Hahnenkamm. Diese Gegend war für sie strategisch interessant, denn hier bestand hinter dem römischen Limes noch ein dichtes Netz von Römerstraßen, die ein rasches Ausgreifen nach dem Donauraum um Donauwörth, um Neuburg und Ingolstadt hin ermöglichten, um auch den bayerischen Stammesraum politisch überherrschen zu können. Im Hahnenkamm und Ries entstanden fränkische Machtpositionen, nicht etwa in Gestalt von modernen Verwaltungseinrichtungen, sondern in Form von königlichen Bauernhöfen und königlichen Eigenkirchen. Der fränkische König, der dazumal nicht von einer festen Residenz aus, sondern im "Umherziehen" - überspitzt ausgedrückt "vom Sattel seiner Pferde aus" - sein erobertes Land regierte, erscheint mit einem hohem Anspruch: Alles eroberte und noch nicht in privater Hand befindliche Land gehört ihm, dem König. Damals dehnten sich noch große herrenlose Waldungen zwischen altbesiedeltem Kulturland, die nun dem fränkischen König zufielen. Damit hielt er ein großes Machtpotential in seinen Händen, denn er konnte diese Wälder an die Kirche und seine ihm ergebenen und ihm verbundenen Adeligen zur Rodung verleihen und sich so einen großen Kreis von fränkischen, aber auch von alemannischen und bayerischen Adeligen auf seine Seite ziehen. Manche dieser Wälder behielt der König auch noch lange für sich und siedelte dort eigene unfreie Leute an (Talleute bei Westheim, Roßmeiersdorf, Zirndorf, Sachsenhard mit Appenberg). So wird auch in unserer Heimat ein fränkischer oder zumindest frankenfreundlicher freier Mann namens Urs vom fränkischen König oder von seinem Beauftragten den Befehl erhalten haben, hier an der Rohrach, an dem gut zugänglichen Flussübergang auf königlichem Grund und Boden zwischen den Altsiedlungen Hechlingen und Polsingen seinen Herrensitz zu errichten und die Wälder zu erschließen und den Ort Ursheim zu einem Stützpunkt fränkischer Macht im südlichen Hahnenkamm auszubauen.

 
 
  Günstige Lage am Flussübergang  
 

Dass Ursheim gerade da entstanden ist, wo es sich heute befindet, ist sicher kein Zufall. Der Platz wurde bewusst ausgewählt. Wir müssen uns bei der Beurteilung seiner Lage in die Urlandschaft zurückversetzen, die der Mensch damals nicht mit modernen Straßen- und Brückenbauten nach seinem Willen beherrschen und gestalten konnte wie heutzutage. Er war abhängig von der Natur des Landes und musste sich bei der Führung der Verkehrswege weitgehend den gegebenen Verhältnissen anpassen. Eine Schranke für den frühen Verkehr im südlichen Hahnenkamm von Westen nach Osten bildete hier die Rohrach. Dieses muntere Höhenkind hat ein tiefes, steilwandiges Tal in Nord- Süd- Richtung in das Bergmassiv des Hahnenkamms gegraben, das im Raum Ursheim sich nach Döckingen hin durch eine Nische ausweitet. Die Überquerung des Flussbettes der Rohrach selbst hätte für den frühmittelalterlichen Verkehr kein besonderes Hindernis bedeutet, wäre da nicht die den Fluss begleitende Aue gewesen, die wir uns im frühen Mittelalter an vielen Stellen sehr versumpft und mit dichtem Auenwald bestanden denken müssen. Je breiter das Feuchtgebiet der Flussaue sich dehnte, umso schwieriger war es, diese zu überwinden. In Ursheim gelang dies am besten, denn hier konnte man sich von den Randhöhen im Westen her verhältnismäßig bequem und trockenen Fußes dem Flussbett nähern, dieses durch eine Furt überqueren und nach kurzer Zeit durch das Seitental in Richtung Döckingen wieder verlassen. Diesen günstigen Flussübergang steuerte im frühen Mittelalter eine Altstraße an, die aus dem Raum Dinkelsbühl kommend das Ries an seinem nördlichen Rand entlang in Richtung Wörnitzübergang bei Hainsfarth (alter Name Heimunesfurt) - Oettingen erreichte, dann wieder am Riesrand entlang nach Megesheim und von da durch den Sachsenhard nach Ursheim zog. Von hier nahm sie Richtung nach Osten durch das Seitental nach Döckingen, ließ diesen Ort aber südlich liegen, nahm Kurs auf die abgegangene Altsiedlung Putlingen in der Döckinger Markung und erreichte über den Hagenhof die Freihard bei Auernheim und über Treuchtlingen- Eichstätt den Donauübergang bei Ingolstadt. In der Döckinger Markung erscheint diese Altstraße unter den Bezeichnungen Herdgasse, auch Hirschstraße und Heerstraße. Herdgasse und Hirschstraße sind volkstümliche Vermengungen von dem häufigen, auf alte Fernstraßen hinweisenden Namen Heerstraße. Für die verschiedenen Verkehrsverbindungen im Mittelalter erfand der Volksmund auch unterschiedliche Namen. Mit der Bezeichnung Weg belegte man ursprünglich alle ebenen Verbindungen in der Nähe. Innerhalb des Dorfes gebrauchte man meist den Begriff Gasse. Als Straße wurde dagegen oft die geschotterte, in die Ferne führende Verbindung bezeichnet. Unter einer frühmittelalterlichen Heerstraße darf man sich freilich keine moderne autogerechte Straße vorstellen, sondern eine, nicht immer geschotterte, aber in die Ferne weisende Verbindung, auf der das Kriegsheer dahinzog, das dazumal nur einfach eine größere Anzahl von berittenen Menschen, eine Schar, ein Gefolge von Kriegern, sein konnte. Die Flurbezeichnung "an der Heerstraße" erscheint fast in jeder Gemarkung unserer Hahnenkammheimat, denn diese liegt ja hinter dem ehemaligen römischen Limes, einem Gebiet, das von vielen Römerstraßen durchkreuzt wurde. Der württembergische Historiker Karl Weller hat schon 1932 in einer Schrift die verkehrsmäßige Bedeutung unserer Heimat als Durchgangsland zwischen den großen politischen Kraftfeldern am Rhein und an der Donau gewürdigt. Nach seinen Erkenntnissen darf auch angenommen werden, dass der West- Ost- Verbindung zwischen dem altbesiedelten Ries und der Weißenburger Bucht und dem Eichstätter Raum eine besondere Rolle zukam. Diese Straße bedurfte hier der Überwachung, damit der Flussübergang nicht in einen fremden Machtbereich gelangte. Durch die Ansiedlung eines mit dem fränkischen Königtum verbundenen Mannes namens Urs und seines Gefolges war die Gewähr gegeben, dass der Ort und sein Umland in der Oberherrschaft des Königs blieb. Heute würden wir sagen: Die Gründung von Ursheim war eine politische Angelegenheit.

 
 
 
Fortsetzung