Elfhundert Jahre Ursheim und Appenberg 
 
 Die Herren von Ursheim 
 
 

Im 11. und 12. Jahrhundert vollzog sich in Deutschland und in ganz Europa eine bemerkenswerte und folgenreiche Entwicklung der Gesellschaft. Sie erwuchs aus dem großen Ringen im sogenannten Investiturstreit, wo es letzten Endes um die rechte Ordnung in der Welt ging und die eine Frage die Gemüter der Menschen bewegte: Soll der weltlichen Gewalt des Kaisers als Beschützer der Christenheit oder der geistlichen Macht des Papstes der höhere Rang eingeräumt werden? Damals verweigerten viele Adelige dem König den Gehorsam, wechselten wiederholt die Partei und begannen eigene flächengreifende Herrschaften aufzubauen. Die hohen Herren verließen ihre angestammten Höfe in den Dörfern und errichteten sich oft in schwer zugänglichen Berg- oder Sumpfgegenden feste Burgen, von denen sie mittels berittener und bewaffneter Dienstmannen das Land unter ihre Macht zwangen. Nach dem führenden Königs- und Kaisergeschlecht, das seinen Stammsitz auf dem Berg Hohenstaufen in der Schwäbischen Alb hatte, nennt man diese Epoche der deutschen Geschichte die Stauferzeit.
Auch in Ursheim versuchten benachbarte Adelsgeschlechter Fuß zu fassen und ihre Herrschaft über hiesige Bauernhöfe zu errichten. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden die Grafen von Oettingen von dem staufischen König Konrad III. mit der Kontrolle über die strategisch wichtige Wörnitzfurt und mit der Vogtei über die dortigen Güter des Klosters Fulda beauftragt. Sie griffen in die Weite und versuchten im Umland Güter und Rechte zu gewinnen. Da das Edelgeschlecht der Oettinger nicht überall persönlich zugegen sein konnte, nahm es Leute unfreier Herkunft in seine Dienste, die in den Ritterstand aufsteigen konnten und im Raum Ursheim die Güter der Grafen von Oettingen verwalteten. Sie nannten sich nach ihrem Dienstsitz "von Ursheim", erbauten sich hier eine einfache, bewohnbare Burg und sorgten dafür, dass den Grafen von Oettingen festgesetzte Abgaben erbracht wurden, die ihre Bauern auf dem Felde erwirtschafteten. Wir wissen über diese Dienstmannen der Grafen von Oettingen, die sich "von Ursheim" nannten, nicht viel. Zu dieser Zeit des 12. und 13. Jahrhunderts waren nur sehr wenige geistliche Herren des Schreibens kundig, Papier stand noch nicht zur Verfügung und das Pergament kostete viel Geld. So ist es nicht verwunderlich, dass über die Herren von Ursheim, über die Errichtung ihrer Burg und über ihr Leben und Treiben, über ihre Taten und Untaten fast nichts überliefert ist. Nur ein paarmal, wenn ein bedeutendes Rechtsgeschäft abgewickelt wurde, wozu auch eine Urkunde zur Sicherheit und Bekräftigung ausgestellt werden musste, erscheinen ihre Namen, sonst nicht viel über sie. Da bangte nun Graf Ludwig von Oettingen um sein und seiner Ehefrau Sophie, sowie um seiner Eltern und Vorfahren Seelenheil und erlaubte deswegen seinen Ministerialen, aus ihren Gütern Stiftungen an das Kloster Kaisheim zu tätigen, damit die Mönche für sie beteten. Darüber wurde eine Pergamenturkunde ausgestellt. Die Reihe der oettingischen Dienstmannen führt der Schreiber auf. Unter ihnen erscheint auch ein Ropreht von Urrisheim. Mehr als seinen Namen erfahren wir nicht, aber dieser bezeugt immerhin, dass um 1193 in Ursheim ein oettingisches Dienstmannengeschlecht ansässig war. Über die Anfänge des Geschlechtes der Herren von Ursheim liegen keine Nachrichten vor. Ob sie einmal freie Leute mit Eigengut waren und in die Dienste der von den staufischen Herzögen und Königen geförderten Grafen von Oettingen traten, oder ob sie vorher schon als Dienstmannen des Bischofs von Eichstätt wirkten, der Basisgesellschaft der unfreien Schichten entstammten und durch Pferde- und Kriegsdienst von einfachen Pferdeknechten zu ritterlichen Gefolgsleuten emporstiegen, darüber schweigen die Quellen.
60 Jahre später fließen die Nachrichten über die niederadelige Familie der oettingischen Dienstmannen in Ursheim etwas ausführlicher: Ulrich von Ursheim und seine Gattin Frau Mathildis übergeben 1252 dem Kloster Auhausen zu ihrem und ihrer Vorfahren Seelenheil durch die Hand des Grafen von Oettingen folgende Güter:
a) Zwei Mühlen, einen Hof, ein Lehen und drei Hofstätten in Ursheim.
b) Einen Hof und ein Lehen zu Gunderstal.
c) Einige Äcker in Megensheim (Megesheim), sowie alle Güter, die sie an Ländereien, Wäldern, Wiesen und Weiden eigentümlich besaßen, und die Leute, nämlich Gerdruden von Snaite (Schneidheim, Landkreis Aalen) mit ihren Söhnen Sifrid, Ludwig und Adelheid mit ihren Kindern, sowie Haedewig mit der Hälfte ihrer Kinder. Von den beiden Mühlen will Ulrich und Mathildis einen Malter Weizen, von den übrigen Gütern und Leuten aber ein Pfund Wachs alljährlich, so lange sie leben, auf Maria Geburt liefern. Wenn aber eines von den beiden (Ulrich oder Mathildis) gestorben ist, so fällt eine der Mühlen, die größere von Ulrich, die kleinere von Mathildis, unmittelbar in den Gebrauch des Klosters. Nach dem Tode beider aber werden die genannten Leute nach dem Rechte anderer Zinsleute von Ahusen (Kloster Auhausen) mit den Mühlen, Höfen und Gütern ohne jegliche Verletzung der Vogtei dem Kloster dienen. Die Schenkung wurde von vielen geistlichen und weltlichen Zeugen bekräftigt. Ulrich und seine Gattin Mathildis waren wohl alt geworden. Sie erahnten das Ende ihres Erdendaseins und versuchten noch durch eine gute Tat in diesem Leben, beim Jüngsten Gericht das ewige Leben zu gewinnen. Dazu bedurfte es auch der Gebete frommer Männer, der Mönche im Kloster Auhausen, dem man diese Güter übergab. Ob der um 1300 genannte Ulrich und sein Bruder Konrad, die vom Deutschen Orden zu Oettingen ein Gut zu Ursheim kauften, auch der Familie der Herren von Ursheim angehörten, ist nicht sicher. Jedenfalls erfahren wir fernerhin nichts mehr von dem Geschlecht der oettingischen Dienstmannen in Ursheim.

Stand in Ursheim im Mittelalter eine Burg?

Diese Frage können wir mit ja beantworten. Den Leuten ist zwar heute nichts mehr von einem derartigen Wehrbau bewusst, es existieren auch keine Flurbezeichnungen wie "altes Schloß, alte Bürg" und dergleichen. Im Grundbuch ist lediglich unter Plannummer 911 ein Burg- oder Hopfengarten eingetragen. Dagegen erscheint im Gült- und Zinsbüchlein des Klosters Heidenheim vom Ende des 14. Jahrhunderts der Eintrag: "Item Schawdan (gibt) 3 Schilling Haller von dem Burckstal". Im ältesten Salbuch des Klosters ist unter Ursheim zu lesen: "Item der jung Chunr. (Konrad) Schawdan (gibt) von dem Burkstallholz, ist frei und eigen, 3 Schilling Haller Walpurgis und 1 Herbsthuhn." Diese Einträge lassen zur Gewissheit werden, dass in Ursheim einmal eine Burg stand. Nachdem nun hier auch schon 1193 ein Dienstmannengeschlecht "von Ursheim" nachgewiesen werden kann, liegt es nahe anzunehmen, dass diese Burg den Herren von Ursheim gehörte. Allerdings muss sie schon im 14. Jahrhundert in einem ruinösen Zustand gewesen sein, denn es ist in den Einträgen nicht eine Burg, sondern ein Burgstall erwähnt. Dieser Name bedeutet: Stelle, auf der einmal eine Burg stand. Die Burg war also schon im 14. Jahrhundert zur Ruine geworden. Dass damit ein Holz verbunden war, bedeutet nichts Außergewöhnliches. Burgen wurden im 12. Jahrhundert oft in entlegenen Waldgegenden angelegt, zu ihren Füßen lag bisweilen der Hag, der eine Ansammlung von Dornhecken darstellte, wohl zum Schutze gegen eine Annäherung an die Befestigung, in der die ritterliche Familie wohnte. Eine mächtige Anlage mit vielen Mauern und Türmen dürfen wir uns bei der Ursheimer Burg nicht vorstellen, eher ein bescheidenes Gebäude mit einer Ringmauer mit Wehrgang und einem einzigen Bergfried. Das Leben auf diesen Ritterburgen der Stauferzeit stellte harte Anforderungen an die Burginsassen. In den kalten Steinmauern konnte nur ein einziger Raum geheizt werden. Die Familie drängte sich im Winter dort zusammen. Läuse und Flöhe zeigten keinerlei Respekt vor den adeligen Damen und Herren. Wasser zum Kochen und Waschen musste oft aus Dachbrunnen (Zisternen) geschöpft werden. In mancher strohgedeckten Bauernhütte konnte mehr Wärme und Geborgenheit empfunden werden als in den eiskalten Steingebilden einer Burg der Stauferzeit. Aber die Burg war zu dieser Zeit notwendig, denn von ihr strahlten die Kraftfelder auf das umgebende Land aus. Als die Herren von Ursheim ausgestorben waren, erneuerten die Grafen von Oettingen wohl ihre Dienstmannenstellung in Ursheim nicht mehr. Im Nachbarort Polsingen bauten sich die Herren von See und die Herren von Gundelsheim in Steinhart neue Machtpositionen auf. Sie dienten nun den Grafen von Oettingen. In Ursheim waren im 13. Jahrhundert die Edlen von Truhendingen Herren über das Dorf geworden, denen später die Burggrafen von Nürnberg und zuletzt die Markgrafen von Ansbach folgten.

Wo lag Gunderstal?

Im Jahre 1252 übergaben Ulrich von Ursheim und seine Gattin Mathildis dem Kloster Auhausen zu ihrem und ihrer Vorfahren Seelenheil neben zwei Mühlen, einem Hof, ein Lehen und drei Hofstätten in Ursheim auch einen Hof und ein Lehen in Gunderstal. Wo lag dieses Gunderstal? Der Hof ist heute, wie viele im Hahnenkamm, verschwunden und zur Wüstung geworden, wie man in der Fachsprache sagt. Auch der Name ist verklungen und so weiß niemand mehr recht, wo Gunderstal einst lag. Dass es in der Gegend von Appenberg abgegangen ist, das vermuten mehrere Forscher, aber die genaue Lage, ob Ober- oder Unterappenberg in Frage kommt, darüber besteht keine Einigkeit. Nun wird schon im ältesten Lehenbuch der Grafschaft Oettingen erwähnt, dass der "Schmid von Hainsfurt" so um 1362 einen Zehnten zu Guntzstal zu Lehen besitzt. 1391 spricht der Abt vom Kloster Auhausen der Adelheid, Witwe des Fritz Walter von Appensberg, den Besitz eines Leibgedingbriefes über Erbteil zu Gunterstal neben einem Erbbrief über ein Holz, genannt der Hopfgart, zu. Ein Heintz Walther wird in Oberappenberg noch um 1430 genannt. Zum Hof des Michael Milich in Oberappenberg gehörten 1535 unter anderem: Morgen Acker "im gunzersthal" und zum Seldengut des Kilian Mack "1 Viertel zwiemähdig Wiesen an zweien Stücken am guntzerstall gelegen". Hier ist also der an und für sich leicht verständliche Name Gunderstal, der "Siedlung im Tal eines Gunther" bedeutet, zu Gunzerstall verderbt worden, was in der Mundart nicht selten bei Namen geschieht. Der Begriff Stall lag eben den Bauern näher als der Begriff Tal. Wo aber lag der Hof Gunderstal? Herr Göttler aus Oberappenberg, ein guter Kenner seiner Heimat, hat festgestellt, dass in seinem Feld beim hohlen Stein (Pl. Nr. 1850-1858) der Grundriss eines Hauses von 8 mal 18 Meter zum Vorschein kam. Es fanden sich ziemlich regelmäßig geschichtete Steine, die ein Fundament bildeten, das deutlich einem Rechteck ähnelte. Die gefundenen Scherben deuten nach Aussage von Herrn Völklein aus Hüssingen nicht etwa auf ein römisches Rechteck hin, sondern auf eine Siedlung aus dem 13. Jahrhundert. In der Nähe fand er auch anläßlich der Flurbereinigung einen mit Eichenbohlen ausgelegten Brunnenschacht. Die Wiese dort heißt später Brunnenwiese (Pl. Nr. 1867, 1868). Dort muss der Hof Gunderstal gelegen haben. Hier beginnt auch tatsächlich ein Tal zwischen dem sogenannten Schmiedsberg und dem Dachsbau, das nach Oberappenberg hinabzieht. Siedlungen mit dem Grundwort -tal sind im Hahnenkamm keine Seltenheit. So wird 1157 ein abgegangener Hof mit dem Namen Ratheristal genannt, der zum Ausstattungsgut des Klosters Auhausen gehörte. Er ist heute verschwunden, der Flurname Rittertal erinnert noch an ihn (an der Gemarkungsgrenze Hainsfarth-Auhausen). Die Einzelhöfe und Weiler südlich Westheim wurden einst unter der Sammelbezeichnung "im Tal" in alten Schriften aufgeführt. Die Leute, die dort saßen, wurden "die Talleute genannt. Weitere Namen auf -tal im Hahnenkamm finden wir in Eckental und Ottmannstal (Gemarkung Heidenheim), Walkerstal (Hechlingen) und Falbental in Wettelsheim. Die Anlage dieser Talsiedlungen bei Westheim erfolgte wohl schon in der Merowinger- oder Karolingerzeit als Wehrbauernsiedlung im Königsgutbezirk Westheim-Ostheim. Einige dieser Höfe sind später wieder zur Wüstung geworden. In dieser Zeit dürfte auch unser Gunderstal entstanden sein, ist aber wohl schon im 14. Jahrhundert abgegangen. Sogar der Name Gunderstal ist zu Gunterstall verderbt worden und schließlich in Vergessenheit geraten. Doch das ist lange her und niemand, der heute diese schöne Einsamkeit des Appenberger Tales durchwandert, denkt daran, dass hier einmal ein Bauernhof stand.

 
 
 
Fortsetzung