Elfhundert Jahre Ursheim und Appenberg 
 
 Ursheimer und Appenberger Flurnamen - Teil IV
(Die Plannummern stehen hinter den Namen in Klammern)
 
 
 

4.) Weideland
Es fällt uns heutigen Menschen, die wir überall an Maschinen, Autos und geteerte Wege gewöhnt sind, schwer, vorzustellen, dass in aller Frühe ein Mann mit einem Horn durch das Dorf schreitet, hineinbläst und Kühe vor sich hertreibt, die sich allmählich zu einer ganzen Herde zusammengesellen und auf die Weide ziehen. Dieses idyllische Bild vom Dorfhirten und seiner Herde hat jahrhundertelang fast jede Ortschaft im Altmühltal und Hahnenkamm beherrscht, auch die Städte Gunzenhausen, Oettingen, Wemding und andere. Erst um 1800 herum wurde die sogenannte Frühjahrsweide abgeschafft, die "ewigen Weidegründe" unter die Dorfgenossen verteilt und die Stallfütterung eingeführt. Das bedeutete dazumal einen großen Wandel in der Landwirtschaft. Nichts erinnert heute mehr an diese Zeit, nur Flurnamen hielten bis in die Gegenwart diese auch in Ursheim und Appenberg verbreitete Wirtschaftsform fest. Bald werden auch sie der Vergessenheit anheimfallen und wieder ist ein Hauch von bäuerlicher Heimat aus unseren Fluren verweht. Da liest man noch heute im Grundbuch von Oberappenberg den Namen Hirtengarten (1701); und im Jahre 1535 wird dort von einem Hirtenhaus berichtet, das "an Wagengeld, Haberfuhr oder anderm zu geben nichts schuldig ist". 1732, als Unterappenberg noch zu dem Verwaltungsbereich gehörte den man heute Mittelfranken nennt, steht geschrieben, dass die Oberappenberger zusammen mit Unterappenberg eine gemeinsame Hut (von hüten) genießen. Das Hirtenhaus stand also in Oberappenberg. Der Hirte war kein Dorfgenosse, sondern nur ein Gemeindebediensteter und weil sein Amt wichtig war, wurde ihm ein eigenes Haus bescheidener Art errichtet. Der Hirte musste auch entlohnt werden. Neben seiner festgesetzten Besoldung in Getreidegarben stand ihm auch der Hirtengarten (1701) zur Nutzung des Grases und des Obstes zu. In Ursheim konnte er die die Hirtenwiese im Röthfeld (170) einheimsen lassen. Der Hirte durfte seine Herde nicht hüten, wo er wollte, sondern war an die von der Gemeinde bestimmten Triebwege und Weidegründe gebunden. Diese waren in der Dorfordnung festgelegt. Die Frühjahrsweide erfolgte in manchen Orten je nach Witterung oft schon 10 Wochen nach Weihnachten. Das Futter wurde während des Winters knapp, die Kühe aber mussten irgendwie ernährt werden. Zuerst führte der Hirte seine Rinderherde auf die privaten Wiesen der Bauern. Jeder hatte diese Vorhut auf seinen Wiesen bis Walburgi (1.Mai) zu dulden. Dann wurden die Wiesen zur Heu- und Grummeterzeugung bis Michaeli (29. September) eingeschlagen, das heißt, der Hirte durfte auf das Wiesmahd nicht mehr treiben, sondern musste die sogenannten "ewigen Weidegründe" aufsuchen. Diese haben sich meist im Flurnamengut niedergeschlagen. Da begegnet uns zunächst einmal der Espan (1055-57) im Grund südlich des Dorfes. Um die Bedeutung dieses Flurnamens wurden schon viele Vermutungen ausgesrochen. Heute gilt der Espan als Ort es Spannens. Diese Tätigkeit des Spannens wurde früher beim weidenden Großvieh ausgeübt, indem man den Kühen die beiden Vorderfüße mit einem Strick zusammenband, damit sie nicht so schnell in die Saatfelder laufen und dort Schaden anrichten konnten. Dieser Brauch war früher weit verbreitet. Der Weidegrund, auf dem dieses Spannen erfolgte, wurde Espan genannt. In Ursheim wird in der Dorfordnung "der Pfarr Glenk Espan" und "der Gemeind Glenk Espan" genannt. Heute ist nichts mehr bekannt von diesem bei uns seltenen Namen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man ihn zu klänken, das heißt "Weiden flechten, Weiden drehen" stellt. Klank ist ein Weidenband. Dieser Begriff kommt in anderen Gegenden vor als Klankweiden, Klendenhölzle. Der Klenkespan ist demnach ein Espan, auf dem auch Klenkweiden wachsen. Diese Deutung kann überzeugen, weil dem Klenkespan die mittlere und die obere Nachtweid (821-88) und (837-844) benachbart sind. Wie schon der Name Nachtweid sagt, wurde hier oft bei Nacht geweidet, aber nur das Zugvieh (Ochsen und Kühe), die während des Tages nicht in die Herde eingeschlagen werden konnten, weil sie Pflug- und Fuhrarbeiten zu leisten hatten. Dann brachte man sie entweder vor Tagesanbruch oder "nach sinkender Sonnen" auf die Weide und da war es dann oft Nacht. Die Nachtweide zählte wie der Espan zu den ewigen Weidegründen. Pferde galten im Mittelalter als die edleren Haustiere. Meist konnten sich nur die Bauern, die selbständig einen größeren Hof (Hube) bewirtschafteten, Pferde halten. Sie wurden nicht zusammen mit dem übrigen Vieh auf die Weide getrieben. Sie grasten auf der Stutenwiese oder Stut (151, 155). Die Leute, die die weiblichen Pferde, die Stuten, hüteten, wurden Stuter genannt. Sie konnten als Entlohnung ihrer Hütertätigkeit eine Wiese zur Nutzung bekommen, die auch Stutwiese genannt wurde. Auch in Appenberg wird eine solche erwähnt (1763). Mit dem Weidebetrieb hängt wohl auch der Flurname Fratzenwiese (904) zusammen, der auf das mittelhochdeutsche Wort veretzen zurückzuführen ist, das "abweiden, abfressen" bedeutet. In Ursheim war man wohl wegen der spärlichen Grundwiesen sehr auf die Waldweide angewiesen. Als typischen Vertreter für diese Waldweide wurde schon die Hard erwähnt. Sie ist auch in den Ortsnamen wie Sachsenhard, Steinhart, Pagenhard, Schlittenhart und Freihard bei Auernheim gegenwärtig.
Manche Flurstücke wurden von der Beweidung durch die Dorfherde herausgenommen. Das waren die Gärten und Beunden. Jeder größere Hof verfügte schon seit alter Zeit in seiner unmittelbaren Umgebung über einen Gras- und Baumgarten, der entweder mit einem Flechtzaun oder mit einem Steckenzaun, meist aber mit einer Hecke umsäumt war. Diese Grundstücke, meist in Hof- oder Dorfnähe gelegen, waren mit dem Gartenrecht ausgestattet. Das bedeutet, dass sie der privaten Nutzung unterstanden und kein Hirte in ihnen mit der Dorfherde hüten durfte. Für derartige, dem Gartenrecht unterstehende Bereiche wurde früher sehr oft der Name Beunde, auch Point oder Peint geschrieben, verwendet. Er kommt im Flurnamengut des deutschen Sprachraumes massenhaft in den verschiedensten mundartlichen Formen vor. Das Wort Beunde geht auf das mittelhochdeutsche biunte, biunde zurück und bedeutet "freies, besonderem Anbau vorbehaltenes und eingehegtes Grundstück". In Ursheim finden wir eine Beunde oder Point unter Plannummer 1177. Zahlreicher sind die Namen auf -garten. Man unterschied in der Regel Gras-, Baum- und Wurzgarten. Im Grasgarten fehlen vielfach die Obstbäume, der dient der reinen privaten Grasnutzung, der keinem Weidzwang unterliegt. Der Baumgarten ist mit Obstbäumen besetzt, wird aber auch als Grasgarten und privater Weideplatz für Pferde, auch für Gänse und Hühner genutzt. Der Wurzgarten (von dem mittelhochdeutschen Wort wurz = Pflanze, Kraut, Wurzel) war der Garten, in dem wohlschmeckende und wohlriechende Kräuter gezogen wurden. In Ursheim ist unter den Gartennamen ein Burg- oder Hopfengarten (911) genannt. Die Flurbezeichnung "hinter den Gärten" (952), "hinterm Prosiegelgarten" (953) deuten die Lage und den Besitzer an. Der Felbergarten (955) ist nach der Felber, der Silberweide benannt. Der Krautgarten in Appenberg (1936), (983-87), der hintere Krautgarten (426-508) oder der vorder Krautgarten (509-576) in Ursheim dürfen in der Reihe der Gartennamen nicht fehlen, denn in ihnen wurde das Kraut (Sauerkraut) gebaut, das als Vitaminträger den Winter über nicht fehlen durfte.

 
 
 
Fortsetzung