Elfhundert Jahre Ursheim und Appenberg 
 
 Die Gemeinde 
 
 

Viele Menschen auf dem Lande meinen, ihre Gemeinde sei schon von Anfang an da gewesen, Dorf und Gemeinde seien gleichzeitig entstanden, Bürgermeisteramt und Gemeinderat hätten schon seit Urzeiten existiert. Die neuere Forschung hat aber die Erkenntnis gewonnen, dass unsere Dörfer aus Einzelhöfen oder kleinen Gehöftegruppen entstanden sein müssen. Durch Teilung und Neuanlage von Höfen, durch Rodung von Waldland und Trockenlegung von Feuchtgebieten wurde der Nahrungsraum erweitert, sind neue Vollbauernhöfe und dienende Selden und Hofstätten hinzugekommen. Durch Zusammensiedlung ist es zur Dorfballung gekommen und so sind allmählich unsere Haufendörfer entstanden. Über diese Vorgänge der Dorfballung und der Gemeindebildung gibt es so gut wie keine schriftlichen Nachrichten, weil sie sich über Jahrhunderte hinzogen, nicht aufgeschrieben wurden und so still und leise voranschritten, dass sie ohne großes Aufsehen sich vollzogen. Die Antriebkräfte für die Gemeindebildung liegen in gemeinsamen Interessen der Dorfbewohner. Viele Bauern im Dorfe unterstanden ja verschiedenen Obereigentümern, den geistlichen und weltlichen Grundherrn. So gehörten z.B. im Jahre 1525 in Ursheim neben dem Pfarr- und Frühmeßhaus von 59 Häusern 16 zum Markgrafentum Ansbach, 14 zum Kloster Heidenheim, 7 zur Pfarrei Ursheim, 4 zum Kloster Auhausen, 4 zur Grafschaft Oettingen, 4 zum Kloster Heilig Kreuz in Donauwörth, 3 zum Kloster Zimmern und eines zur Frühmesse. Man könnte meinen, in Ursheim hätte ein schlimmes Durcheinander im Dorfe geherrscht und Streitigkeiten hätten kein Ende gefunden. Dem war jedoch nicht so. Gab es auch ab und zu Streit, so wurden die Bauern, Hübner und Seldner, auch wenn sie verschiedenen Grundherren angehörten, doch zu einer Gemeinschaft, zu einer Gemeind zusammengehalten und dieses Band der Gemeind war für das Leben im Dorf stärker als die Zugehörigkeit zu einem Grundherrn. Die Leute im Dorfe schlossen sich zu einer Nutzungsgemeinschaft zusammen und die ergab sich zwangsläufig aus den gemeinsamen wirtschaftlichen und religiösen Interessen. Die Gemeinde war zwar nicht schon bei der Ortsgründung durch den namengebenden Siedler Urs vor 1500 Jahren vorhanden, aber sie entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zwangsläufig und fand schon im 11. oder 12. Jahrhundert ihre volle Ausbildung. Der wesentliche Antrieb zur Gemeindebildung ging wohl von der Hirtschaft aus. In den Anfangsjahren nach der Ortsgründung konnte der Siedler Urs sein Vieh noch weiden, wo es ihm beliebte. Raum war noch genügend vorhanden, seine Herde konnte nur wenig Schaden bei den Nachbarn anrichten, weil keine oder nur wenige vorhanden waren. Mit der Zunahme der Höfe wurde das anders, es musste das Vieh in einer gemeinsamen Herde vereinigt und unter einem gemeinen (gemeinsamen) Hirten gehütet werden. Für die Dorfherde mussten nun geeignete Weidegründe in der Flur ausgewiesen werden. Die Herde war für das Leben der Menschen so wichtig wie der Ackerboden für das tägliche Brot. Damit aber die Dorfherde den Ackerfrüchten keinen Schaden zufügen konnte, musste vereinbart werden, dass alle Leute ihre Gerste und den Hafer im Sommerfeld, ihren Roggen, Dinkel und Weizen im Winterfeld anbauten und dass ein Drittel der Ackerflur zur Ruhe in der Brache liegen blieb. Die Saatfelder erhielten zu ihrem Schutze Zäune aus Stockausschlägen oder Dornen. Nur so konnten die Früchte vor Schaden durch die streifenden Herden bewahrt werden. Aus diesen Zwängen zum gemeinsamen Weidgang und zur gemeinsamen Saat und Ernte in bestimmten Bereichen der Dorfgemarkung kam man schon im 9. Jahrhundert zur Dreifelderwirtschaft, die dazumal in der Landwirtschaft einen großen Fortschritt bedeutete und durch die gesteigerte Produktion von Lebensmitteln eine starke Zunahme der Bevölkerung ermöglichte. Jetzt entwickelte sich auch die Dorfgemeinde weiter. Alljährlich wurde ein Dorfhirte gedingt, der vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst hinein die gemeinsame Rinderherde hütete. Ein Schäfer für alle Schafe im Dorfe wurde angenommen, ein Flurer hatte als "Feldpolizei" dafür zu sorgen, dass keine Feldfrevel begangen wurden. Ein Gemeindeschmied stellte Geräte für die landwirtschaftlichen Arbeiten her, sorgte für das Wohl der Pferde und unterhielt einen Schleifstein, den alle in der Gemeinde benutzen konnten. In einer Gemeindebadstube achtete der Bader auf "saubere Dorfgenossen", zwackte jedem den Kopf, dem Klügsten wie dem ärmsten Tropf, setzte allen Blutegel und Schröpfköpfe an und zog sogar den Leuten die Zähne. Die Siebner oder Steiner walteten ihres Amtes, indem sie für die Einhaltung der Grenzen sich zuständig fühlten. In der Regel vier Mann, die sogenannten Dorfsvierer (manchmal auch Dorfführer geschrieben) wurden als Gemeindevorsteher gewählt. So entstand im Laufe der Jahrhunderte eine festgefügte Gemeinde Ursheim mit all den notwendigen Einrichtungen zum Wohle aller Dorfgenossen. Spätestens im 13. Jahrhundert muss die Gemeinde Ursheim eine voll entwickelte Genossenschaft, zwar kein modernes, schriftlich verwaltetes und voll durchorganisiertes Gebilde, so doch eine Gemeinschaft mit gewohnheitsmäßig gewachsenen Regeln des Zusammenlebens und Zusammenwirtschaftens zum Wohle aller gewesen sein.

 
 
 
Fortsetzung