Zur frühen Geschichte der Edlen von Truhendingen im Hahnenkamm  
 (Fortzsetzung) 
 
 Frühes Familienzentrum im Ries? 
 
 

Überprüft man die Truhendinger Besitzlandschaft aufgrund der Urkunden, so ergibt sich, daß ein beträchtlicher Teil der Güter dieses Adelsgeschlechtes im Ries lag. Sie treten freilich erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in das Licht urkundlicher Überlieferung, in einer Zeit also, in der sich die Truhendinger wohl infolge der erheblichen Kosten des Meranischen Erbfolgekrieges gezwungen sahen, entlegene Außenposten ihres Territoriums zu veräußern, um ihre hohen Schulden zu begleichen. Neben Einzelhöfen und kleineren Gütergruppen, die zur Schenkung oder zum Verkauf anstehen, tritt vor allem eine große Besitzposition im mittleren Ries in Pfäfflingen mit Gütern in den Nachbarorten Dürrenzimmern und Wechingen hervor. So beurkundet Graf Friedrich VI. von Truhendingen im Oktober 1278 zusammen mit seinem Bruder Friedrich, Chorherr in Regensburg, und seinem Vetter Ludwig, daß sie dem Deutschordenshaus zu Oettingen 10 Huben zu Pfäfflingen als freies Eigen zu ihrem ewigen Seelgerät übergeben haben (39). Im Dezember des gleichen Jahres übergibt die Gräfin Agnes von Fürstenberg, eine geborene von Truhendingen, dem Kloster Zimmern im Ries ihren Besitz in Pfäfflingen (40). Im folgenden Jahr 1279 veranlaßte schwere Schuldenlast den Grafen Friedrich VI von Truhendingen, mit Zustimmung seines Bruders Friedrich, Chorherr in Regensburg und Augsburg, dem Kloster Heiligkreuz in Zimmern (Klosterzimmern im Ries) 15 Huben und 12 Hofstätten im gleichen Ort Pfäfflingen zu verkaufen, dazu die Herrschaft und "hertschaft" = Hirtenrecht sowie den Kirchensatz der dortigen Pfarrkirche mit ihren Filialen zu Oberzimmern (Dürrenzimmern) und im unteren Teil des Dorfes Wechingen, alles von den Vorfahren ererbt (41). Über die Herkunft dieser Gütermasse in dem einen Dorf besteht keine Klarheit, es wird beim Verkauf nur erwähnt, daß alles von den Vorfahren ererbt sei. Da hier alle Mitglieder des Tuhendinger Hauses ihre Zustimmung bei der Schenkung und beim Verkauf erteilen, muß man annehmen, daß in Pfäfflingen eine Art Familienzentrum der Truhendinger bestand.
Zur Struktur dieses von den Truhendingern geschenkten und verkauften Gutes muß festgestellt werden, daß es sich um einen überörtlichen, aber räumlich doch ziemlich geschlossenen Fronhofsverband handelt, der in Hufen gegliedert ist. Es fällt auf, daß in der Schenkung von keinem Herrenhof (Fronhof, Meierhof) die Rede ist. Die in der Verkaufsurkunde erwähnten 12 Hofstätten, genannt "selhuser", werden vom Bearbeiter der Oettinger Urkunden, Richard Dertsch, als Söldhäuser gedeutet (42). Es handelt sich also nach seiner Auffassung um Kleingüter, sogenannte Sölden. Der Verfasser der Geschichte des Klosters Auhausen, Dr. Klaus Sturm, dagegen deutet das 1295 in einer Eichstätter Urkunde am Bach Lankwat gelegene und zum Kloster Auhausen gehörige Selhus (43) als "Herrenhof zur Bewirtschaftung des Sallandes eines Grundherrn" (44). Erkennt man nach Sturm in den 12 Selhäusern ehemaliges Salland, so darf man vielleicht an eine Aufteilung des Fronhofes denken, der ursprünglich im Eigenbau bewirtschaftet wurde. Die 12 selhuser in Pfäfflingen wären demnach aus dem einstigen Herrenhof hervorgegangen. An mittelalterliche Seelhäuser, in denen verwitwete Frauen wohnten, die für die Verstorbenen zu beten hatten, darf man da-bei nicht denken, sie waren vorwiegend in den Städten verbreitet.
Diese Gütergruppe der Truhendinger im Ries ist zwar erst spät bezeugt, als sie in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wegen Schuldenlast zum Verkauf anstand, das sagt jedoch nichts aus über das Alter ihrer Zugehörigkeit zum Truhendinger Adelshaus. Sie kann schon im 11.und 12. Jahrhundert im Besitz der Truhendinger gewesen sein und ihnen auch beständig angehört haben, ohne in das Licht urkundlicher Erwähnung rücken zu müssen. Schweigen der Quellen über diese Rieser Güter kann auch eine besondere lückenlose Stetigkeit des Eigentums bedeuten. Hier muß es sich um altes von den Ahnen ererbtes Eigengut der Truhendinger handeln, um eine Art frühes Familienzentrum in Pfäfflingen, das allerdings in dem altbesiedel-ten, waldarmen Ries nicht durch Vogtei und Rodung zu einer Flächenherrschaft ausgebaut werden konnte. Geht man freilich von Altentrüdingen, dem Truthmuntinga des Reliquienzuges von 836, als dem Anfangspunkt und Stammsitz der Truhendinger Herrschaftsentwicklung aus, so erscheinen die Rieser Güter als entfernte Außenposten, die erst durch Erbe oder Kauf nachträglich erworben worden sein könnten. Betrachtet man dagegen die Riesgüter als primären Ausgangspunkt der truhendingischen Adelsherrschaft und Altentrüdingen als sekundäre Erscheinung, wo mit Hilfe der Vogtei über Kirchengut der Übergang zur flächengreifenden Territorialherrschaft erreicht wurde, so führen die Stationen der Truhendinger Herrschaftsentwick-lung vom Familienzentrum im Ries bei Pfäfflingen über die Vogtei solnhofischer, heidenheimischer, eichstättischer und ellwangischer Güter in Richtung Altentrüdingen, Solnhofen, Heidenheim, Hohentrüdingen und schließlich Gunzenhausen. Die Herrschaftsbildung vollzieht sich vom Ries heraus zwischen Wörnitz und Altmühl entlang der bedeutenden staufischen Straße Ulm - Nördlingen - Nürnberg. Der Ausbruch aus der besitzgeschichtlichen Enge des altbesiedelten Rieses in die Gegend des waldreichen Hahnenkamms und des Gunzenhäuser Landes bedeutet für die Truhendinger Edelfamilie zugleich einen Aufbruch in die raumgreifende Territorialherrschaft. Dies konnte wohl kaum geschehen ohne die Gunst und das Wohlwollen des staufischen Königshauses, das in diesem Raum das politische Kraftfeld beherrschte.

 
 
 
 
 
 Anmerkungen
Abkürzungen:
Hei = Franz Heidingsfelder, Die Regesten der Bischöfe von Eichstätt, Erlangen 1938
Englert = Sebastian Englert, Geschichte der Grafen von Truhendingen, Würzburg 1885
AG = Alt - Gunzenhausen
GHB = Gunzenhäuser Heimat- Bote
39 Hei. Nr. 903
40 Die Urkunden der Fürstlich Oettingischen Archive, Augsburg 1959, Nr. 79
41 Wie Anmerkung 40, Nr. 84
42 Wie Anmerkung 40, Sachverzeichnis S. 272
43 Hei. Nr. 1135
44 Klaus Sturm, Geschichte des Klosters Auhausen, in Sammelblatt des Historischen Vereins Eichstätt, 63. Jahrgang, 1969/70, S. 158, unter Geilsheim
 

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